Mittwoch, 23. November 2016

Dark Fantasy Story: Die Erzählung des Wirtes



Die Erzählung des Wirtes (c) Kilian Braun 2016
 

„Na komm, Tessa. Was ist denn nur los mit dir?“
Die Hündin hatte heute keinen guten Tag. Schon am Morgen war sie nicht wie sonst fidel aufgesprungen, sondern war nur verhalten in den Tag gestartet. Ailbeart hatte sich zwar gewundert, es aber nicht weiter beachtet. Es würde schon wieder vergehen, nun aber machte er sich Sorgen.
„Wir gehen heute nicht so lange, in Ordnung? Es bewölkt sowieso, dann kehren wir einfach früher ein, als sonst. Was hältst du davon?“
Tessa stieß einen zustimmenden Laut aus. Ailbeart liebte Tessa, auch wenn er eigentlich nie einen Hund wollte. Vor drei Jahren war er für zwei Wochen Gast in einem Dorf auf einem Bauernhof, um die örtliche Dorfchronik einzusehen. Ailbeart war Qel’tar und erwartungsgemäß mit vorsichtiger Zurückhaltung behandelt worden, so wie es viele der Magielosen tun, doch Ailbeart legte nicht die weit verbreitete Hochnäsigkeit der Zauberer an den Tag, und schon bald war der Umgang mit ihm unbeschwerter. Die Hündin des Bauern hatte einen frischen Wurf und obwohl Ailbeart vehement versucht hatte, sich davon fernzuhalten, hatten ihn seine Schritte auf wundersame Weise immer wieder zu dem Verschlag mit den Welpen geführt. Stundenlang sah Ailbert ihnen zu, wie sie zaghaft auf wackeligen Beinen umhergingen und ihre noch zarte Stimme ausprobierten. Eine hing von Anfang an ihm, schien ihn nach kurzer Zeit regelrecht zu begrüßen. Ailbeart war das erst peinlich, doch dann wurde er nachdenklich und begann sich mit dem Tier zu beschäftigen. Da war etwas, was Ailbeart nicht erklären konnte und war sich schließlich sicher, das Tier mitnehmen zu müssen. Er bat darum, ihm den Hund zu überlassen, und fortan hatte Ailbeart einen neuen Begleiter auf seinen vielen Reisen. Er nannte sie Tessa, ein Name, mit dem er etwas ganz Besonderes verband, und nur dieser Name passte zu dem, was Ailbeart in den Augen der Hündin sah. Aus dem kleinen Welpen war mittlerweile ein ausgewachsenes Tier geworden.

Sie folgten dem Feldweg, der sie schon seit geraumer Zeit über die Wiesen und Weiden der Provinz Al‘Raban führte.
„Sind wir überhaupt noch richtig?“ Ailbeart hielt an und fasste sich an sein rechtes Knie. Es schmerzte heute mehr als sonst, es war wohl generell kein guter Tag. Tessa neigte den Kopf, was Ailbeart als Schulterzucken zu deuten wusste.
„Finden wir es heraus.“
Das war einer von Ailbearts Lieblingssätzen und würde einmal auf seinem Grabstein stehen. Woher kommt dieser Lärm? Finden wir es heraus. Wohin führt diese Straße? Finden wir es heraus. Schmeckt dieses Bier auch den ganzen Abend lang? Finden wir es heraus. Ailbeart hatte mit seiner Tätigkeit als Chronist schon vieles herausgefunden und zu Papier gebracht. Er war Neuzeitchronist, darauf legte er großen Wert. Die Hüter der Chroniken saßen tagaus, tagein in staubigen Zimmern, wälzten Bücher und hantierten mit Schriftrollen. Leute wie Ailbeart zogen durchs Land, prüften das ordnungsgemäße Arbeiten der örtlichen Schreiber und Archivare und dokumentierten auch selber aktuelle Geschehnisse. Der Weg sollte sie eigentlich nach Miselgom führen, einer Kleinstadt in der südwestlichen Ecke der Provinz Al’Raban. Über die gepflasterte Straße wäre der Marsch um drei Tagesreisen länger, also hatte sich Ailbeart auf eine Route querfeldein eingelassen. Mit so genannten Abkürzungen hatte Ailbeart schon die unterschiedlichsten Erfahrungen in seiner nunmehr achtzehnjährigen Tätigkeit als Neuzeitchronist gemacht. Jetzt, nach etlichen vergangenen Wegstunden, wurde das mulmige Gefühl in der Magengegend immer deutlicher. Kein gutes Zeichen, und das war erst der Anfang.

Die Wolken am Himmel wurden beständig mehr und veranlassten Ailbeart zu einem schnelleren Schritt. Er war an lange Märsche gewöhnt und hatte trotz seiner fünfundfünfzig Lenzen auf dem Buckel ein ordentliches Marschtempo, aber hier trieb ihn etwas zusätzlich an. Das Grau der Wolken kam ihm dunkler vor, als es für Regen sein sollte. Es war sicherlich nur eine Sinnestäuschung, ebenso wie die Silhouette, die sich in der grauen Wolkenmasse zu verbergen schien. Umherstrich, wie ein Raubtier in seinem Käfig. Immer, wenn Ailbeart konzentriert nach oben sah, war nichts, nur wenn er geradeaus blickte, meinte er knapp im Sichtfeld in den Wolken etwas wahrzunehmen. Tessa trabte neben ihm her, still und direkt an seiner Seite, das war ein untrügliches Zeichen dafür, dass sie angespannt war. Sie erreichten eine Abzweigung, an der ein verwitterter Wegweiser aufgestellt war. ‚Miselgom – 2 Tagesmärsche‘ besagte die verblichene Schrift auf dem Pfeil, der in die Hauptrichtung wies. ‚Zur Einkehr – Landgasthaus‘ stand auf dem Schild, welches in Richtung des abzweigenden Weges zeigte. Unschlüssig sah Ailbeart in die Richtung des Gasthauses und nahm einen Schluck aus seiner Feldflasche. Mehrere Hundert Schritt konnte man den Weg in der Wiese mit dem kniehohen Gras sehen, dann verschwand er zwischen Bäumen. Es war kein ausgewachsener Wald, aber es reichte, die Sicht auf das Dahinterliegende zu versperren.
„Tja, was nun?“ Ailbeart füllte etwas Wasser in eine kleine Schale, damit Tessa ebenfalls etwas trinken konnte. Ein einzelner Regentropfen landete klatschend auf Ailbearts Stirn. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis der Regen begann, angesichts der dichten Wolken kein leichter Schauer, sondern prasselnder Dauerregen.

Das Rumpeln eines Fuhrwerks ließ ihn umblicken und ihnen entgegen auf dem Hauptweg kam ein kleiner, von einem Esel gezogenen Karren den Hügel hinab. Auf dem Kutschbock saß ein Magieloser, sicherlich jemand aus der Region. Schnell war der Karren nicht, dennoch wartete Ailbeart und registrierte weitere einzelne Regentropfen auf seinem Kopf und Gesicht.
„Den Göttern zum Gruße“, rief Ailbeart früh genug, um kein Misstrauen zu erzeugen. Der Wagenlenker nahm seine Hand von einem Gegenstand, den er unter dem Kutschbock bereitgelegt hatte. Er trug einen nässeabweisenden Umhang und auf seinem Kopf befand sich ein Lederhut mit breiter Krempe. Mit leichtem Zug an den Zügeln veranlasste er sein Zugtier in gebührendem Abstand zu halten und sah dem Chronisten unter buschigen Augenbrauen aus hellgrünen Augen prüfend entgegen. Es warteten keine guten Neuigkeiten auf Ailbeart.

„Grüße, Fremder“, antwortete der Mann und musterte Ailbeart genau. „Ihr seid ein …“
„… ein Qel’tar, ja“, sagte Ailbeart gewohnheitsgemäß, denn ihm war klar, kaum als Zauberer erkennbar zu sein.
„Ähm … Was macht Ihr hier?“
„Ich bin auf der Durchreise nach Miselgom. Das ist doch die Richtung, oder?“
„Eigentlich schon, ja. Aber die Brücke über die Klera ist schon seit etlichen Monden eingestürzt. Kein Problem, wenn Ihr gut schwimmen könnt und nass werden wollt.“
Ailbeart konnte schwimmen, sehr gut sogar, nur sein Gepäck war ganz und gar nicht für eine Flussdurchquerung ausgelegt.
„Gibt es keinen anderen Weg?“
„Doch, den über die Hauptstraße.“
Ailbeart tätschelte kurz Tessas Haupt. „Wir hatten gehofft, hier eine Abkürzung nehmen zu können.“
„Ähm … Es geht mich ja eigentlich nichts an, aber wieso teleportiert Ihr Euch nicht einfach?“
Das war die gängige Reisemethode von fast allen Qel’tar. Der Teleportzauber gehörte zu den ersten, die man erlernte und jeder beherrschte ihn im Schlaf, aber Ailbeart hasste den Teleport. Er bekam davon Kopfschmerzen und verlor die Orientierung, wenn er nicht zu Fuß oder beritten reiste. Und seit er Tessa hatte, war die magische Reise sowieso keine Option mehr.
„Mit dem Hund geht es nicht“, antwortete Ailbeart.
„Verstehe.“ Der Mann nickte. „Ein schönes Tier. Wie heißt er?“
„Sie heißt Tessa.“
„Ein wyrianischer Berghund?“ Das eher lange, schwarzweiße Fell sowie die längliche Form der Schnauze sprachen dafür.
„Ein Mischling, vermute ich. Sie hat auch viel von einem Iseri-Jagdhund.“
„Ein schönes Tier.“ Der Mann nickte und schwieg einen Moment. „Nun, ich muss dann weiter …“, sagte er schließlich.
„Dieses Gasthaus“, Ailbeart deutete in die Richtung, in der es ‚Zur Einkehr‘ ausgeschildert war, „ist das noch in Betrieb?“
Der Mann zögerte mit der Antwort, sah mit angespanntem Blick in die Richtung, dann wieder zu Ailbeart. „Dahin verirrt sich kaum noch jemand. Es stammt aus der Zeit, als es die Hauptstraße noch nicht gab. Da musste jeder hier entlang. Mein Großvater hat oft erzählt, wie er als Kind den Bauarbeitern beim Verlegen der Pflastersteine zugesehen hat.“
„Aber es hat noch auf, das Gasthaus?“
Der Mann rang nach Worten, einen kurzen Moment zitterten seine Hände an den Zügeln.
„Ist es keine Empfehlung?“, fragte Ailbeart und beobachtete den Ortsansässigen genau.
„Geht da nicht rein. Wenn Ihr meinen Rat wollt: Schlaft lieber im Freien, wirklich.“ Seine Stimme war leiser geworden und Furcht lag darin.
Angesichts des drohenden Regengusses war eine Übernachtung in der Natur wenig verlockend. Zudem kam nun ein Donnergrollen hinzu, es bahnte sich also ein Gewitter an. Ailbeart musste immer wieder die Leute vom Zirkel der Entdecker bewundern, deren Aufgabe es war, in unwegsames, unerschlossenes Gelände vorzudringen. Er, als wandernder Chronist, bevorzugte feste Straßen und ein festes Dach über dem Kopf. Ailbeart stieß die Luft aus. Sie hätten die Abkürzung nicht nehmen sollen.
„Was stimmt nicht damit? Wenn es keinen Luxus gibt, ist das wirklich kein …“
„Ich muss weiter.“ Der Mann schnalzte mit den Zügeln und sein Esel schritt beinahe erleichtert voran. Sagte man den Grautieren nicht eine störrische Art nach? Dieser hier mühte sich nach Kräften weiterzukommen. Er lebte sicherlich auf einem der Höfe, an denen Ailbeart vorbeigekommen war.
„Habt Ihr vielleicht stattdessen einen Platz bei Euch in der Scheune?“, rief Ailbeart ihm nach. Der Mann murmelte nur etwas über die Schulter, Ailbeart verstand kein Wort, und dann trieb er seinen Esel noch etwas mehr an.

„Nicht gerade höflich, oder was meinst du, Tessa?“
Tessa bellte, ihr Ausdruck von Zustimmung. Die Regentropfen wurden mehr, es konnte sich nur noch um wenige kleine Striche auf einer Sanduhr handeln, ehe die Wolken ihre nasse Fracht zu Boden sandten.
„Das haben wir ja ganz schön verbockt.“ Ailbeart hob die Schale auf und schlug die Richtung zum Gasthaus ein.
Tessa bellte zweimal, ehe sie folgte.
„Ja, gut, ICH habe es verbockt. Aber die Zeit, in der ich draußen übernachtet habe, ist lange vorbei.“
Ailbeart plante seit etlichen Jahren seine Reisen von Gasthaus zu Gasthaus. Sein Reisegepäck war deutlich leichter dadurch geworden und mit fortschreitendem Alter war er heilfroh, sich am Abend in ein gemachtes Bett legen zu können. Wieso, bei allen Göttern, hatte er sich dann auf diese Abkürzung eingelassen? Ailbeart behielt die Umgebung im Auge, auch wenn mangels Durchreiseverkehr kaum damit zu rechnen war, dass hier Wegelagerer tagelang auf einsame Wanderer warteten.
„Tessa, los!“ Ailbeart wies nach vorne und für gewöhnlich erkundete die junge Hündin freudig den Weg, doch diesmal winselte sie nur leise und blieb an Ailbearts Seite. Nicht mögliche Wegelagerer waren das Problem, sondern die bedrückende Aura, die über dem Land hing, wie eine schwere Last auf den Schultern. Oder Schuld ... Unsicher sah sich Ailbeart noch einmal um und schalt sich einen Narren, von der Hauptstraße abgewichen zu sein. Regen und Donnergrollen wurden stärker, es gab kein Zurück mehr.

Der Weg schlängelte sich durch einen lichten Mischwald und war stellenweise kaum auszumachen.
„Hier ist doch schon seit Jahren niemand mehr entlanggekommen.“ Ailbeart spähte nach vorne und hoffte, etwas zu erkennen. Hier sollte ein Gasthaus sein? Im unregelmäßigen Rhythmus erklangen die Regentropfen auf den Blättern. Ailbeart blieb zwar trocken, aber das Geräusch machte unmissverständlich klar, dass jeder ohne Regenschutz außerhalb des Blätterdachs ziemlich nass werden würde. Etwas klapperte hölzern im aufkommenden Wind, Tessa bellte prompt und rannte zwischen den Bäumen davon.
„Warte!“ Plötzlich war es Ailbeart nicht recht, dass seine Begleiterin alleine vorauslief. Es klapperte weiterhin, Tessa knurrte als Antwort und Ailbeart beeilte sich, zu ihr aufzuschließen. Über Wurzeln und Geäst am Boden hinwegsteigend stakste Ailbeart hinter Tessa her und sah sie schließlich gedruckt mit angelegten Ohren vor einem tief hängenden Ast. Dort war ein Gebilde aus Holzstäben befestigt, die im Wind immer wieder aneinanderschlugen. Ailbeart atmete erleichtert durch.
„Schon gut, keine Aufregung. Das ist ein Windspiel.“ Er streichelte Tessa kurz, damit sie sich wieder beruhigte. Ein Windspiel mitten hier im Wald? Ailbeart sah genauer hin und seine Vermutung bestätigte sich: Das war kein einfaches Schmuckstück. Die Holzstäbe waren mit Symbolen versehen, in der Mitte waren noch die Reste eines aus Zweigen geformten Gegenstands zu sehen, der die Zeit nicht überdauert hatte. Ailbeart wirkte eine einfache magische Analyse. War hier Zauberei im Spiel? Tatsächlich waren die Symbole mit Zauberkraft auf den Holzstäben verankert worden, ansonsten konnte Ailbeart keine magischen Komponenten entdecken. Allerdings war er aufgrund seines Werdegangs nicht sonderlich versiert im Umgang mit Magie. Er hatte den Zirkel der Grundlagen wie jeder Qel’tar-Junge besucht, doch dann hatte sein Leben eine andere, eher unübliche Richtung genommen …
„Ich kenne solche Anfertigungen. Siehst du die sieben Holzstäbe? Sie stehen für die sieben Götter und bilden einen geschlossenen Kreis. In der Mitte war sicherlich das Abbild eines Dunkelwesens, die Darstellung einer Bestie aus dem Reich des Seelenfressers. Der geschlossene Ring der Götterstäbe soll ein Gefängnis darstellen. Die Magielosen erhoffen sich damit die Abwehr von Dämonen und Geistern.“ Ailbeart sah sich um. „Es ist allerdings ungewöhnlich, so etwas hier in die Abgeschiedenheit zu hängen.“ Er kannte diese Konstrukte über den Eingängen mancher Wohnhäuser, hier in der Wildnis machte es für ihn keinen Sinn.
„Seltsam. Was für einen Nutzen soll es …“
Der Schrei eines Kauzes erklang und ließ Ailbeart zusammenzucken, Tessa bellte erschrocken. Ailbeart gebot ihr Einhalt, dann lauschten sie beide. Nur die niederfallenden Regentropfen auf den Blättern waren zu hören. Der Ruf eines Kauzes war nicht neu für Ailbeart, nur war ihm dieser unangenehm menschlich vorgekommen. Auf einmal schienen die Bäume dichter zusammengerückt zu sein.
„Wir sollten weiter“, flüsterte Ailbeart. Einen Moment lang horchten sie noch, dann gingen sie zum Weg zurück, ohne zu bemerken, dass das Windspiel verstummt war. Es hing still herab, als hätte es sich nie bewegt.

„Da ist es!“
Zwischen den Bäumen, jetzt erkannte Ailbeart auch den Verlauf des Weges wieder, sah er ein Gebäude. In die Jahre gekommen, einstöckig und einen kleinen Flachbau als Stall direkt daran angeschlossen. Am Wichtigsten war für Ailbeart die Tatsache, dass hinter den Fenstern im Erdgeschoss Licht brannte. Kerzen, Laternen, ein Kamin, Ailbeart war es einerlei, es zeigte, dass hier normaler Betrieb herrschte. Womöglich hatte dieser seltsame Mann auf dem Karren übertrieben, ängstigte sich vor der zugegebenermaßen abgelegenen Lage. Aberglaube war unter den Magielosen weit verbreitet, Ailbeart konnte das nicht schrecken.
„Siehst du, alles in Ordnung“, sagte er zu Tessa. „Gleich sitzen wir im Warmen und vor allem Trockenen.“

Sie ließen den Wald hinter sich und mussten sich dem Regen aussetzen. Eilig folgten sie dem Weg den sanften Hügel hinauf, auf dem das Gasthaus errichtet worden war. Farbe blätterte stellenweise von der Fassade, aber die Fenster sowie die Fensterläden sahen intakt aus. Unweit des Gasthauses stand eine große Eiche und wirkte wie ein stummer Wächter, der seine schützenden Ast-Arme weit ausgebreitet hatte. Der Stall besaß ein Spitzdach, üblicherweise befanden sich dort einfache, aber Dank der darunter stehenden Tiere warme Schlafplätze. Ailbeart war aber gewillt, sich ein Zimmer zu nehmen und sei es nur ein Bett im Gemeinschaftszimmer. Distelmühne blühte links und rechts des doppelflügeligen Stalltores, erste weiße Blütenblätter waren bereits zu Boden gefallen. Das Licht in den Fenstern wirkte einladend, Ailbeart meinte auch Stimmen und Geschirrgeklapper zu hören. Es fanden offenbar mehr Gäste hier her, als der Wagenlenker vermutete. Umso besser, Ailbeart war erleichtert. Jetzt, mit dem Licht vor Augen, wurde ihm erst klar, wie schummrig es bereits geworden war. Dämmerte es schon? Eigentlich war es noch nicht soweit, und für gewöhnlich konnte Ailbeart die Zeit gut einschätzen, aber vielleicht hatte er sich heute getäuscht. Es waren nur noch wenige Schritte zu tun, dann konnte der Tag beendet werden. Ailbeart fühlte schon den Humpen Bier in seiner Hand und hoffte auf ein wohlschmeckendes Mahl dazu. Sicherlich würde es für Tessa auch etwas geben.

„Habe ich dir schon von dem besten Eintopf erzählt, den ich jemals gegessen habe?“
Schon sehr oft, Tessa konnte es ihm nur nicht sagen. Sie bellte kurz.
„Das war noch zu meiner Zeit als Seefahrer. Götter, war ich da noch jung. Mein Vater war Seehändler, fuhr die Westküste des Reiches rauf und runter, und hat mich einfach mitgenommen, als ich im richtigen Alter für einen Schiffsjungen war. Regelmäßig haben wir in Gerskoje angelegt, ein Fischerdorf. Wir haben da immer Scholle und Lachs eingekauft, und zufällig gab es da auch eine kleine Hafenkneipe. Mit unserer Mannschaft als Gast war der ganze Laden voll, aber den Leuten hat’s gefallen. Da gab’s nicht viel Auswahl, aber was brauchten wir schon? Bier und Eintopf und schon waren wir glücklich. Ich weiß nicht, woran es lag, aber dieser Eintopf, in dieser kleinen Dorfkneipe“, Ailbeart lachte, „war derart köstlich, dass wir immer so lange aßen, bis alles weg war. Auch wenn der Magen schmerzte, es musste alles leer sein.“ Ailbeart lächelte noch einen Moment, dann geriet seine Freude ins Wanken und Traurigkeit legte sich über sein Gesicht. Trotz des Regens hielt er an. „Es war nach einem Abend in Gerskoje, als wir daheim ankamen und erfahren haben, dass Mutter verstorben war. Und mit ihr das … Kind in ihr. Ein Mädchen wäre es geworden. Mein Vater war völlig fertig, ich konnte es gar nicht begreifen. Wir hatten uns erst vor drei Wochen verabschiedet, die Niederkunft war nicht mehr lange hin und sie war schon wieder auf dem Weg der Besserung gewesen. Sogar einen Namen hatten wir ausgesucht: Tessa.“ Ailbeart sah mit bitterem Lächeln hinab, Tessa sah ihm mitfühlend entgegen. Regenwasser rann von Fell und Kleidung und Ailbeart spürte, wie seine Augen feucht wurden. „Ist verdammt lange her.“ Rasch klopfte er Tessa auf die Flanke, atmete durch und setzte seinen Weg zur Eingangstür fort.
„Na los.“

Mit einem schnellen Seitenblick sah er sich nach Tessa um und stockte in der Bewegung. Das Holz der Stalltür sah brüchig aus, die Angeln sichtlich verrostet, vertrocknete Sträucher befanden sich links und rechts davon. Ailbeart rang für einen Moment um sein Gleichgewicht, blinzelte mehrfach. Vertrocknet? Wo waren die blühenden Büsche? Weg, ebenso wie die Geräusche aus dem Schankraum.
„Bei allen Göttern, hier stimmt wirklich etwas nicht“, sprach Ailbeart mit schwankender Stimme. Der Regen wurde schwächer, dafür war es jetzt dunkel wie mitten in der Nacht. Neugier und Furcht rangen kurz miteinander. Doch noch umkehren? Zurück durch den Wald, irgendwo im Freien nächtigen und niemals erfahren, was hier vor sich ging? Nein, das kam für Ailbeart nicht infrage. Was war da in dem Schankraum los? Ailbeart musste es wissen, es würde ihm keine Ruhe lassen.
„Finden wir es heraus.“
Angespannt trat er vor die Eingangstür, bestehend aus verzogenem furchigem Holz, und drückte die Klinge hinunter. Langsam zog er die Tür auf, die Angeln quietschten protestierend, taten aber ihren Dienst. Licht fiel Ailbeart entgegen, nur war es schwächer, als es von außen zuerst ausgesehen hatte. Hatte es Mühe, gegen die Dunkelheit anzukommen? Ailbeart trat ein – und bei dem Anblick stockte ihm das Blut in den Adern.

...

Die vollständige Geschichte erscheint in der Anthologie Weltentor Fantasy 2017 des Noel-Verlages!

Die Erzählung des Wirtes (c) Kilian Braun 2016

Montag, 21. November 2016

Kurzgeschichte wird veröffentlicht

Nachdem ich nun die Unterlagen erhalten habe, ist es jetzt offiziell: Auch dieses Jahr werde ich in der jährlichen Kurzgeschichtenanthologie Weltentor des Noel-Verlag dabei sein. Ich freue mich sehr darüber! Auch dieses Jahr bin ich in der Science-Fiction-Ausgabe enthalten und demnächst werde ich eine Leseprobe meiner Geschichte mit dem Titel "Glückwunsch: Sie leben wieder" posten.

Die Arbeiten an der Dark-Fantasy-Episodengeschichte sind übrigens abgeschlossen und es wird diesen Mittwoch losgehen!

#storytogo #kurzgeschichten #scifi #weltentor

Samstag, 19. November 2016

Kilian spielt: "Mission to Mars 2049"







Da ich neben dem Schreiben auch begeisterter Spiele-Spieler bin (Brett- und Kartenspiele, neuerdings auch ein Tabletop-Spiel), möchte ich gerne von dem ein- oder anderen Spiel berichten, welches ich mit Family and Friends gespielt habe. Beginnen möchte ich mit:

„Mission to Mars 2049“

Darum geht’s:
Spielbox
Zwei bis vier Spieler übernehmen die Rolle von Siedlern auf dem Roten Planeten und versuchen als Erster die mit Wassereis bedeckte Polkappe des Planeten zu erreichen. Um die notwendigen Ressourcen dafür zu erhalten, müssen Food-, Air- und Mineralstations errichtet werden, die wiederum per Würfelwurf die jeweiligen Rohstoffe abwerfen. Mit diesen kann weiter gebaut werden, um den Weg bis zur Polkappe zu kolonisieren. Neben Bases und Stations können die Spieler „Friendly Mission Cards“ oder „Aggressive Mission Cards“ erwerben, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Die freundlichen Missionen beziehen sich auf denjenigen, der die Karte gespielt hat, während die aggressiven Missionen gegen die anderen Spieler gehen. Wer es zuerst geschafft hat, am Pol eine H2O-Station zu errichten, gewinnt das Spiel.

Gaming Experience:
Bei „Mission to Mars 2049“ handelt es sich um ein mehr oder weniger harmloses Wettlauf- bzw. Aufbauspiel, strategische Möglichkeiten sowie die Interaktion untereinander sind bis auf die „Aggressive Mission Cards“ wenig ausgeprägt. Das Spiel ist in englischer Sprache, es gibt jedoch mittlerweile ein Erweiterungspack mit einer deutschsprachigen Version von Karten und Regelheft.
Der Startaufbau für 3 Spieler
Die Rohstoffe erhält man im bekannten Siedler-von-Catan-Prinzip, Bevorratungsmöglichkeiten über Stack-Token schützen hier vor Verlust und senken den Frustfaktor. Das Artwork ist insgesamt sehr gelungen und stimmungsvoll. Der Mars auf dem Spielbrett sieht sehr gut aus, ebenso originell sind die Symbole für die drei Rohstoffarten. Auch die restlichen Karten fügen sich gut in das Future-Theme des Spieles ein und tragen zum Raumfahrerambiente bei.
 
Spieler Rot hat gewonnen
Fazit:
„Mission to Mars 2049“ ist schnell ausgepackt und schnell erklärt, mit ca. 45 Minuten für eine Runde kein abendfüllendes Spiel. Einerseits ist es erfreulich unkompliziert und zügig im Spielfluss, andererseits bezüglich Strategie und Interaktion fast schon zu anspruchslos. Es eignet sich gut für zwischendurch, meiner Einschätzung nach kommt man mit Schulenglisch gut zurecht. Ob die Menschheit im Jahr 2049 wirklich zum Mars fliegt, bleibt abzuwarten :)



Bilder + Text (c) Kilian Braun 2016