Mittwoch, 23. November 2016

Dark Fantasy Story: Die Erzählung des Wirtes



Die Erzählung des Wirtes (c) Kilian Braun 2016
 

„Na komm, Tessa. Was ist denn nur los mit dir?“
Die Hündin hatte heute keinen guten Tag. Schon am Morgen war sie nicht wie sonst fidel aufgesprungen, sondern war nur verhalten in den Tag gestartet. Ailbeart hatte sich zwar gewundert, es aber nicht weiter beachtet. Es würde schon wieder vergehen, nun aber machte er sich Sorgen.
„Wir gehen heute nicht so lange, in Ordnung? Es bewölkt sowieso, dann kehren wir einfach früher ein, als sonst. Was hältst du davon?“
Tessa stieß einen zustimmenden Laut aus. Ailbeart liebte Tessa, auch wenn er eigentlich nie einen Hund wollte. Vor drei Jahren war er für zwei Wochen Gast in einem Dorf auf einem Bauernhof, um die örtliche Dorfchronik einzusehen. Ailbeart war Qel’tar und erwartungsgemäß mit vorsichtiger Zurückhaltung behandelt worden, so wie es viele der Magielosen tun, doch Ailbeart legte nicht die weit verbreitete Hochnäsigkeit der Zauberer an den Tag, und schon bald war der Umgang mit ihm unbeschwerter. Die Hündin des Bauern hatte einen frischen Wurf und obwohl Ailbeart vehement versucht hatte, sich davon fernzuhalten, hatten ihn seine Schritte auf wundersame Weise immer wieder zu dem Verschlag mit den Welpen geführt. Stundenlang sah Ailbert ihnen zu, wie sie zaghaft auf wackeligen Beinen umhergingen und ihre noch zarte Stimme ausprobierten. Eine hing von Anfang an ihm, schien ihn nach kurzer Zeit regelrecht zu begrüßen. Ailbeart war das erst peinlich, doch dann wurde er nachdenklich und begann sich mit dem Tier zu beschäftigen. Da war etwas, was Ailbeart nicht erklären konnte und war sich schließlich sicher, das Tier mitnehmen zu müssen. Er bat darum, ihm den Hund zu überlassen, und fortan hatte Ailbeart einen neuen Begleiter auf seinen vielen Reisen. Er nannte sie Tessa, ein Name, mit dem er etwas ganz Besonderes verband, und nur dieser Name passte zu dem, was Ailbeart in den Augen der Hündin sah. Aus dem kleinen Welpen war mittlerweile ein ausgewachsenes Tier geworden.

Sie folgten dem Feldweg, der sie schon seit geraumer Zeit über die Wiesen und Weiden der Provinz Al‘Raban führte.
„Sind wir überhaupt noch richtig?“ Ailbeart hielt an und fasste sich an sein rechtes Knie. Es schmerzte heute mehr als sonst, es war wohl generell kein guter Tag. Tessa neigte den Kopf, was Ailbeart als Schulterzucken zu deuten wusste.
„Finden wir es heraus.“
Das war einer von Ailbearts Lieblingssätzen und würde einmal auf seinem Grabstein stehen. Woher kommt dieser Lärm? Finden wir es heraus. Wohin führt diese Straße? Finden wir es heraus. Schmeckt dieses Bier auch den ganzen Abend lang? Finden wir es heraus. Ailbeart hatte mit seiner Tätigkeit als Chronist schon vieles herausgefunden und zu Papier gebracht. Er war Neuzeitchronist, darauf legte er großen Wert. Die Hüter der Chroniken saßen tagaus, tagein in staubigen Zimmern, wälzten Bücher und hantierten mit Schriftrollen. Leute wie Ailbeart zogen durchs Land, prüften das ordnungsgemäße Arbeiten der örtlichen Schreiber und Archivare und dokumentierten auch selber aktuelle Geschehnisse. Der Weg sollte sie eigentlich nach Miselgom führen, einer Kleinstadt in der südwestlichen Ecke der Provinz Al’Raban. Über die gepflasterte Straße wäre der Marsch um drei Tagesreisen länger, also hatte sich Ailbeart auf eine Route querfeldein eingelassen. Mit so genannten Abkürzungen hatte Ailbeart schon die unterschiedlichsten Erfahrungen in seiner nunmehr achtzehnjährigen Tätigkeit als Neuzeitchronist gemacht. Jetzt, nach etlichen vergangenen Wegstunden, wurde das mulmige Gefühl in der Magengegend immer deutlicher. Kein gutes Zeichen, und das war erst der Anfang.

Die Wolken am Himmel wurden beständig mehr und veranlassten Ailbeart zu einem schnelleren Schritt. Er war an lange Märsche gewöhnt und hatte trotz seiner fünfundfünfzig Lenzen auf dem Buckel ein ordentliches Marschtempo, aber hier trieb ihn etwas zusätzlich an. Das Grau der Wolken kam ihm dunkler vor, als es für Regen sein sollte. Es war sicherlich nur eine Sinnestäuschung, ebenso wie die Silhouette, die sich in der grauen Wolkenmasse zu verbergen schien. Umherstrich, wie ein Raubtier in seinem Käfig. Immer, wenn Ailbeart konzentriert nach oben sah, war nichts, nur wenn er geradeaus blickte, meinte er knapp im Sichtfeld in den Wolken etwas wahrzunehmen. Tessa trabte neben ihm her, still und direkt an seiner Seite, das war ein untrügliches Zeichen dafür, dass sie angespannt war. Sie erreichten eine Abzweigung, an der ein verwitterter Wegweiser aufgestellt war. ‚Miselgom – 2 Tagesmärsche‘ besagte die verblichene Schrift auf dem Pfeil, der in die Hauptrichtung wies. ‚Zur Einkehr – Landgasthaus‘ stand auf dem Schild, welches in Richtung des abzweigenden Weges zeigte. Unschlüssig sah Ailbeart in die Richtung des Gasthauses und nahm einen Schluck aus seiner Feldflasche. Mehrere Hundert Schritt konnte man den Weg in der Wiese mit dem kniehohen Gras sehen, dann verschwand er zwischen Bäumen. Es war kein ausgewachsener Wald, aber es reichte, die Sicht auf das Dahinterliegende zu versperren.
„Tja, was nun?“ Ailbeart füllte etwas Wasser in eine kleine Schale, damit Tessa ebenfalls etwas trinken konnte. Ein einzelner Regentropfen landete klatschend auf Ailbearts Stirn. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis der Regen begann, angesichts der dichten Wolken kein leichter Schauer, sondern prasselnder Dauerregen.

Das Rumpeln eines Fuhrwerks ließ ihn umblicken und ihnen entgegen auf dem Hauptweg kam ein kleiner, von einem Esel gezogenen Karren den Hügel hinab. Auf dem Kutschbock saß ein Magieloser, sicherlich jemand aus der Region. Schnell war der Karren nicht, dennoch wartete Ailbeart und registrierte weitere einzelne Regentropfen auf seinem Kopf und Gesicht.
„Den Göttern zum Gruße“, rief Ailbeart früh genug, um kein Misstrauen zu erzeugen. Der Wagenlenker nahm seine Hand von einem Gegenstand, den er unter dem Kutschbock bereitgelegt hatte. Er trug einen nässeabweisenden Umhang und auf seinem Kopf befand sich ein Lederhut mit breiter Krempe. Mit leichtem Zug an den Zügeln veranlasste er sein Zugtier in gebührendem Abstand zu halten und sah dem Chronisten unter buschigen Augenbrauen aus hellgrünen Augen prüfend entgegen. Es warteten keine guten Neuigkeiten auf Ailbeart.

„Grüße, Fremder“, antwortete der Mann und musterte Ailbeart genau. „Ihr seid ein …“
„… ein Qel’tar, ja“, sagte Ailbeart gewohnheitsgemäß, denn ihm war klar, kaum als Zauberer erkennbar zu sein.
„Ähm … Was macht Ihr hier?“
„Ich bin auf der Durchreise nach Miselgom. Das ist doch die Richtung, oder?“
„Eigentlich schon, ja. Aber die Brücke über die Klera ist schon seit etlichen Monden eingestürzt. Kein Problem, wenn Ihr gut schwimmen könnt und nass werden wollt.“
Ailbeart konnte schwimmen, sehr gut sogar, nur sein Gepäck war ganz und gar nicht für eine Flussdurchquerung ausgelegt.
„Gibt es keinen anderen Weg?“
„Doch, den über die Hauptstraße.“
Ailbeart tätschelte kurz Tessas Haupt. „Wir hatten gehofft, hier eine Abkürzung nehmen zu können.“
„Ähm … Es geht mich ja eigentlich nichts an, aber wieso teleportiert Ihr Euch nicht einfach?“
Das war die gängige Reisemethode von fast allen Qel’tar. Der Teleportzauber gehörte zu den ersten, die man erlernte und jeder beherrschte ihn im Schlaf, aber Ailbeart hasste den Teleport. Er bekam davon Kopfschmerzen und verlor die Orientierung, wenn er nicht zu Fuß oder beritten reiste. Und seit er Tessa hatte, war die magische Reise sowieso keine Option mehr.
„Mit dem Hund geht es nicht“, antwortete Ailbeart.
„Verstehe.“ Der Mann nickte. „Ein schönes Tier. Wie heißt er?“
„Sie heißt Tessa.“
„Ein wyrianischer Berghund?“ Das eher lange, schwarzweiße Fell sowie die längliche Form der Schnauze sprachen dafür.
„Ein Mischling, vermute ich. Sie hat auch viel von einem Iseri-Jagdhund.“
„Ein schönes Tier.“ Der Mann nickte und schwieg einen Moment. „Nun, ich muss dann weiter …“, sagte er schließlich.
„Dieses Gasthaus“, Ailbeart deutete in die Richtung, in der es ‚Zur Einkehr‘ ausgeschildert war, „ist das noch in Betrieb?“
Der Mann zögerte mit der Antwort, sah mit angespanntem Blick in die Richtung, dann wieder zu Ailbeart. „Dahin verirrt sich kaum noch jemand. Es stammt aus der Zeit, als es die Hauptstraße noch nicht gab. Da musste jeder hier entlang. Mein Großvater hat oft erzählt, wie er als Kind den Bauarbeitern beim Verlegen der Pflastersteine zugesehen hat.“
„Aber es hat noch auf, das Gasthaus?“
Der Mann rang nach Worten, einen kurzen Moment zitterten seine Hände an den Zügeln.
„Ist es keine Empfehlung?“, fragte Ailbeart und beobachtete den Ortsansässigen genau.
„Geht da nicht rein. Wenn Ihr meinen Rat wollt: Schlaft lieber im Freien, wirklich.“ Seine Stimme war leiser geworden und Furcht lag darin.
Angesichts des drohenden Regengusses war eine Übernachtung in der Natur wenig verlockend. Zudem kam nun ein Donnergrollen hinzu, es bahnte sich also ein Gewitter an. Ailbeart musste immer wieder die Leute vom Zirkel der Entdecker bewundern, deren Aufgabe es war, in unwegsames, unerschlossenes Gelände vorzudringen. Er, als wandernder Chronist, bevorzugte feste Straßen und ein festes Dach über dem Kopf. Ailbeart stieß die Luft aus. Sie hätten die Abkürzung nicht nehmen sollen.
„Was stimmt nicht damit? Wenn es keinen Luxus gibt, ist das wirklich kein …“
„Ich muss weiter.“ Der Mann schnalzte mit den Zügeln und sein Esel schritt beinahe erleichtert voran. Sagte man den Grautieren nicht eine störrische Art nach? Dieser hier mühte sich nach Kräften weiterzukommen. Er lebte sicherlich auf einem der Höfe, an denen Ailbeart vorbeigekommen war.
„Habt Ihr vielleicht stattdessen einen Platz bei Euch in der Scheune?“, rief Ailbeart ihm nach. Der Mann murmelte nur etwas über die Schulter, Ailbeart verstand kein Wort, und dann trieb er seinen Esel noch etwas mehr an.

„Nicht gerade höflich, oder was meinst du, Tessa?“
Tessa bellte, ihr Ausdruck von Zustimmung. Die Regentropfen wurden mehr, es konnte sich nur noch um wenige kleine Striche auf einer Sanduhr handeln, ehe die Wolken ihre nasse Fracht zu Boden sandten.
„Das haben wir ja ganz schön verbockt.“ Ailbeart hob die Schale auf und schlug die Richtung zum Gasthaus ein.
Tessa bellte zweimal, ehe sie folgte.
„Ja, gut, ICH habe es verbockt. Aber die Zeit, in der ich draußen übernachtet habe, ist lange vorbei.“
Ailbeart plante seit etlichen Jahren seine Reisen von Gasthaus zu Gasthaus. Sein Reisegepäck war deutlich leichter dadurch geworden und mit fortschreitendem Alter war er heilfroh, sich am Abend in ein gemachtes Bett legen zu können. Wieso, bei allen Göttern, hatte er sich dann auf diese Abkürzung eingelassen? Ailbeart behielt die Umgebung im Auge, auch wenn mangels Durchreiseverkehr kaum damit zu rechnen war, dass hier Wegelagerer tagelang auf einsame Wanderer warteten.
„Tessa, los!“ Ailbeart wies nach vorne und für gewöhnlich erkundete die junge Hündin freudig den Weg, doch diesmal winselte sie nur leise und blieb an Ailbearts Seite. Nicht mögliche Wegelagerer waren das Problem, sondern die bedrückende Aura, die über dem Land hing, wie eine schwere Last auf den Schultern. Oder Schuld ... Unsicher sah sich Ailbeart noch einmal um und schalt sich einen Narren, von der Hauptstraße abgewichen zu sein. Regen und Donnergrollen wurden stärker, es gab kein Zurück mehr.

Der Weg schlängelte sich durch einen lichten Mischwald und war stellenweise kaum auszumachen.
„Hier ist doch schon seit Jahren niemand mehr entlanggekommen.“ Ailbeart spähte nach vorne und hoffte, etwas zu erkennen. Hier sollte ein Gasthaus sein? Im unregelmäßigen Rhythmus erklangen die Regentropfen auf den Blättern. Ailbeart blieb zwar trocken, aber das Geräusch machte unmissverständlich klar, dass jeder ohne Regenschutz außerhalb des Blätterdachs ziemlich nass werden würde. Etwas klapperte hölzern im aufkommenden Wind, Tessa bellte prompt und rannte zwischen den Bäumen davon.
„Warte!“ Plötzlich war es Ailbeart nicht recht, dass seine Begleiterin alleine vorauslief. Es klapperte weiterhin, Tessa knurrte als Antwort und Ailbeart beeilte sich, zu ihr aufzuschließen. Über Wurzeln und Geäst am Boden hinwegsteigend stakste Ailbeart hinter Tessa her und sah sie schließlich gedruckt mit angelegten Ohren vor einem tief hängenden Ast. Dort war ein Gebilde aus Holzstäben befestigt, die im Wind immer wieder aneinanderschlugen. Ailbeart atmete erleichtert durch.
„Schon gut, keine Aufregung. Das ist ein Windspiel.“ Er streichelte Tessa kurz, damit sie sich wieder beruhigte. Ein Windspiel mitten hier im Wald? Ailbeart sah genauer hin und seine Vermutung bestätigte sich: Das war kein einfaches Schmuckstück. Die Holzstäbe waren mit Symbolen versehen, in der Mitte waren noch die Reste eines aus Zweigen geformten Gegenstands zu sehen, der die Zeit nicht überdauert hatte. Ailbeart wirkte eine einfache magische Analyse. War hier Zauberei im Spiel? Tatsächlich waren die Symbole mit Zauberkraft auf den Holzstäben verankert worden, ansonsten konnte Ailbeart keine magischen Komponenten entdecken. Allerdings war er aufgrund seines Werdegangs nicht sonderlich versiert im Umgang mit Magie. Er hatte den Zirkel der Grundlagen wie jeder Qel’tar-Junge besucht, doch dann hatte sein Leben eine andere, eher unübliche Richtung genommen …
„Ich kenne solche Anfertigungen. Siehst du die sieben Holzstäbe? Sie stehen für die sieben Götter und bilden einen geschlossenen Kreis. In der Mitte war sicherlich das Abbild eines Dunkelwesens, die Darstellung einer Bestie aus dem Reich des Seelenfressers. Der geschlossene Ring der Götterstäbe soll ein Gefängnis darstellen. Die Magielosen erhoffen sich damit die Abwehr von Dämonen und Geistern.“ Ailbeart sah sich um. „Es ist allerdings ungewöhnlich, so etwas hier in die Abgeschiedenheit zu hängen.“ Er kannte diese Konstrukte über den Eingängen mancher Wohnhäuser, hier in der Wildnis machte es für ihn keinen Sinn.
„Seltsam. Was für einen Nutzen soll es …“
Der Schrei eines Kauzes erklang und ließ Ailbeart zusammenzucken, Tessa bellte erschrocken. Ailbeart gebot ihr Einhalt, dann lauschten sie beide. Nur die niederfallenden Regentropfen auf den Blättern waren zu hören. Der Ruf eines Kauzes war nicht neu für Ailbeart, nur war ihm dieser unangenehm menschlich vorgekommen. Auf einmal schienen die Bäume dichter zusammengerückt zu sein.
„Wir sollten weiter“, flüsterte Ailbeart. Einen Moment lang horchten sie noch, dann gingen sie zum Weg zurück, ohne zu bemerken, dass das Windspiel verstummt war. Es hing still herab, als hätte es sich nie bewegt.

„Da ist es!“
Zwischen den Bäumen, jetzt erkannte Ailbeart auch den Verlauf des Weges wieder, sah er ein Gebäude. In die Jahre gekommen, einstöckig und einen kleinen Flachbau als Stall direkt daran angeschlossen. Am Wichtigsten war für Ailbeart die Tatsache, dass hinter den Fenstern im Erdgeschoss Licht brannte. Kerzen, Laternen, ein Kamin, Ailbeart war es einerlei, es zeigte, dass hier normaler Betrieb herrschte. Womöglich hatte dieser seltsame Mann auf dem Karren übertrieben, ängstigte sich vor der zugegebenermaßen abgelegenen Lage. Aberglaube war unter den Magielosen weit verbreitet, Ailbeart konnte das nicht schrecken.
„Siehst du, alles in Ordnung“, sagte er zu Tessa. „Gleich sitzen wir im Warmen und vor allem Trockenen.“

Sie ließen den Wald hinter sich und mussten sich dem Regen aussetzen. Eilig folgten sie dem Weg den sanften Hügel hinauf, auf dem das Gasthaus errichtet worden war. Farbe blätterte stellenweise von der Fassade, aber die Fenster sowie die Fensterläden sahen intakt aus. Unweit des Gasthauses stand eine große Eiche und wirkte wie ein stummer Wächter, der seine schützenden Ast-Arme weit ausgebreitet hatte. Der Stall besaß ein Spitzdach, üblicherweise befanden sich dort einfache, aber Dank der darunter stehenden Tiere warme Schlafplätze. Ailbeart war aber gewillt, sich ein Zimmer zu nehmen und sei es nur ein Bett im Gemeinschaftszimmer. Distelmühne blühte links und rechts des doppelflügeligen Stalltores, erste weiße Blütenblätter waren bereits zu Boden gefallen. Das Licht in den Fenstern wirkte einladend, Ailbeart meinte auch Stimmen und Geschirrgeklapper zu hören. Es fanden offenbar mehr Gäste hier her, als der Wagenlenker vermutete. Umso besser, Ailbeart war erleichtert. Jetzt, mit dem Licht vor Augen, wurde ihm erst klar, wie schummrig es bereits geworden war. Dämmerte es schon? Eigentlich war es noch nicht soweit, und für gewöhnlich konnte Ailbeart die Zeit gut einschätzen, aber vielleicht hatte er sich heute getäuscht. Es waren nur noch wenige Schritte zu tun, dann konnte der Tag beendet werden. Ailbeart fühlte schon den Humpen Bier in seiner Hand und hoffte auf ein wohlschmeckendes Mahl dazu. Sicherlich würde es für Tessa auch etwas geben.

„Habe ich dir schon von dem besten Eintopf erzählt, den ich jemals gegessen habe?“
Schon sehr oft, Tessa konnte es ihm nur nicht sagen. Sie bellte kurz.
„Das war noch zu meiner Zeit als Seefahrer. Götter, war ich da noch jung. Mein Vater war Seehändler, fuhr die Westküste des Reiches rauf und runter, und hat mich einfach mitgenommen, als ich im richtigen Alter für einen Schiffsjungen war. Regelmäßig haben wir in Gerskoje angelegt, ein Fischerdorf. Wir haben da immer Scholle und Lachs eingekauft, und zufällig gab es da auch eine kleine Hafenkneipe. Mit unserer Mannschaft als Gast war der ganze Laden voll, aber den Leuten hat’s gefallen. Da gab’s nicht viel Auswahl, aber was brauchten wir schon? Bier und Eintopf und schon waren wir glücklich. Ich weiß nicht, woran es lag, aber dieser Eintopf, in dieser kleinen Dorfkneipe“, Ailbeart lachte, „war derart köstlich, dass wir immer so lange aßen, bis alles weg war. Auch wenn der Magen schmerzte, es musste alles leer sein.“ Ailbeart lächelte noch einen Moment, dann geriet seine Freude ins Wanken und Traurigkeit legte sich über sein Gesicht. Trotz des Regens hielt er an. „Es war nach einem Abend in Gerskoje, als wir daheim ankamen und erfahren haben, dass Mutter verstorben war. Und mit ihr das … Kind in ihr. Ein Mädchen wäre es geworden. Mein Vater war völlig fertig, ich konnte es gar nicht begreifen. Wir hatten uns erst vor drei Wochen verabschiedet, die Niederkunft war nicht mehr lange hin und sie war schon wieder auf dem Weg der Besserung gewesen. Sogar einen Namen hatten wir ausgesucht: Tessa.“ Ailbeart sah mit bitterem Lächeln hinab, Tessa sah ihm mitfühlend entgegen. Regenwasser rann von Fell und Kleidung und Ailbeart spürte, wie seine Augen feucht wurden. „Ist verdammt lange her.“ Rasch klopfte er Tessa auf die Flanke, atmete durch und setzte seinen Weg zur Eingangstür fort.
„Na los.“

Mit einem schnellen Seitenblick sah er sich nach Tessa um und stockte in der Bewegung. Das Holz der Stalltür sah brüchig aus, die Angeln sichtlich verrostet, vertrocknete Sträucher befanden sich links und rechts davon. Ailbeart rang für einen Moment um sein Gleichgewicht, blinzelte mehrfach. Vertrocknet? Wo waren die blühenden Büsche? Weg, ebenso wie die Geräusche aus dem Schankraum.
„Bei allen Göttern, hier stimmt wirklich etwas nicht“, sprach Ailbeart mit schwankender Stimme. Der Regen wurde schwächer, dafür war es jetzt dunkel wie mitten in der Nacht. Neugier und Furcht rangen kurz miteinander. Doch noch umkehren? Zurück durch den Wald, irgendwo im Freien nächtigen und niemals erfahren, was hier vor sich ging? Nein, das kam für Ailbeart nicht infrage. Was war da in dem Schankraum los? Ailbeart musste es wissen, es würde ihm keine Ruhe lassen.
„Finden wir es heraus.“
Angespannt trat er vor die Eingangstür, bestehend aus verzogenem furchigem Holz, und drückte die Klinge hinunter. Langsam zog er die Tür auf, die Angeln quietschten protestierend, taten aber ihren Dienst. Licht fiel Ailbeart entgegen, nur war es schwächer, als es von außen zuerst ausgesehen hatte. Hatte es Mühe, gegen die Dunkelheit anzukommen? Ailbeart trat ein – und bei dem Anblick stockte ihm das Blut in den Adern.

Kühle, feuchte Luft schlug ihm entgegen, Modergeruch von Mauerwerk und altem Holz. Der Dielenboden sah mehrere Hundert Jahre alt aus, nur wenige Schritte dem Eingang gegenüber führte eine Holztreppe nach oben, deren Stufen nicht besser aussahen. Nur die Haken an der Wand für Mäntel und Umhänge hatten die Zeit gut überstanden. Etwas knarzte beständig in pendelndem Rhythmus und das Geräusch lenkte Ailbearts Blick unweigerlich in den Schankraum. Alte Tische, umgefallene Bänke, dahinter der Tresen – und in der Mitte des Raumes war ein Mann an einem Strick aufgeknüpft. Starr hing er herab, seine Kleidung verblasst, löchrige Stiefel, unter ihm lag ein umgestoßener Stuhl. Lange dunkle Haare hingen wirr hinab, Ailbeart konnte das Gesicht des Mannes nicht sehen, da seitlich zu ihm hing und sachte hin- und herpendelte. Die Schlinge wies keinen typischen Henkersknoten auf. Eine frei laufende Schlinge, stabilisiert von etlichen Rundtörns, sorgte normalerweise dafür, dass der Delinquent entweder erstickte, oder sein Genick bei ausreichender Fallhöhe brach. Hier war einfach nur eine enge Schlaufe geknüpft worden, in Eile, möglicherweise …
„Tessa“, sagte Ailbeart und konnte den Blick nicht abwenden, „ich glaube, das ist keine behagliche Unterkunft. Tessa?“
Suchend sah sich Ailbeart um. Er konnte die Hündin nirgends entdecken, dann erklang ein Winseln von draußen. Sie hatte sich nicht hineingetraut, das war verständlich. Ailbeart wandte dem Toten nur ungern den Rücken zu, aber er wollte nach Tessa sehen. Vor der Eingangstür, noch dem leichten Regen ausgesetzt, saß Tessa, das Fell tropfnass, die Ohren angelegt und den Schwanz eingezogen.
„Na komm schon, ich bin ja bei dir.“ Ailbeart tätschelte ihren Kopf und versuchte ruhig zu klingen. Zumindest den Regen mussten sie abwarten, dann sah Ailbeart sie beide bei einer kräftezehrenden Nachwanderung, denn hier konnten sie unmöglich –

„Kommt Ihr nun herein oder nicht?“
Ailbeart erstarrte. Eine Männerstimme hinter ihm? Wo war das Knarzen des Seiles am Holzbalken hin? Bedeutete das etwa, dass … Tessa sah an Ailbeart vorbei, bellte plötzlich ohne Furcht und huschte hinein. Womöglich in die Fänge eines auferstandenen Toten, eines üblen Geistes, angelockt von dunkler Magie! Ailbeart wirbelte herum und – erstarrte in kurzer Zeit zum zweiten Mal. Die Luft war warm und das Knacken eines Feuers im Kamin war zu hören. In etlichen Laternen brannten Kerzen und erhellten den Raum. Tische, Stühle und Bänke waren ordentlich aufgestellt, einige wenige Gäste hatten Platz genommen. Jemand kam die Treppe hinunter, leise knarzte das Holz. Eine junge Frau mit umgebundener Schürze und einem Tablett mit Geschirr darauf schenkte Ailbeart einen freundlichen Blick.
„Den Göttern zum Gruße, Reisender.“
Ailbeart glotzte sie an, verfolgte ihre Schritte auf dem sorgsam gefegten Dielenboden, der noch vor wenigen Momenten uralt ausgesehen hatte.
„Könntet Ihr jetzt die Tür …“
Mit fahrigen Bewegungen trat Ailbeart ein und schloss die Türe. Was geschah hier gerade?
„Danke“, sagte der Gast an einem Tisch. Er saß nicht weit von der Türe entfernt und musste als Erster die kühle Luft abbekommen haben. Eine Kerze stand neben ihm, in dessen Schein er an einem Holzstück schnitzte. Ailbeart zog die Augenbrauen zusammen und sah genauer hin. War das der Mann auf dem Karren? Nein, das konnte nicht sein, das war unmöglich. Oder?

„Setzt Euch, ich bin gleich bei Euch.“ Die Magd, so vermutete Ailbeart ihre Tätigkeit, eilte durch den Raum, an dem Tresen vorbei in Richtung Küche. Hinter dem Ausschank war ein Mann mit fleckigem Hemd zugange. Seine schwarzen Haare hingen ihm ins Gesicht, während er mit Tonkrügen hantierte. Ailbeart schluckte, der gebirgsgroße Kloß in seinem Hals wollte nicht weichen. Tessa hatte sich bereits an einen Tisch nahe dem Kaminfeuer gesetzt und sah ihm auffordernd entgegen. Spürte sie nichts? Ailbeart war der Meinung, dass die feinen Sinne der Hündin eine Illusion durchschauen müssten. War das nicht der Fall, war die Sinnestäuschung entweder wahrhaft meisterlich oder Ailbearts Geisteszustand desolat. Angespannt tappte er durch den Raum, wagte kaum zu atmen. Drei Gäste saßen einzeln, an einem längeren Tisch löffelte gerade eine Gruppe von fünf Personen hungrig aus Suppentellern. Ailbeart ließ sich auf den Stuhl sinken und sah vorsichtig nach links und rechts. Der Verstand sagte ihm, dass es nicht sein konnte, was seine Sinne ihm vorgaukelten. Die Wärme des Kaminfeuers war angenehm und das Knacken und Prasseln des Feuers wirkte beruhigend. Viel besser als das Knarzen eines hin- und herschwingenden Erhängten. Lächelnd kam die Magd auf Ailbeart zu.
„Was stimmt hier nicht?“, murmelte er und sah der Frau angespannt entgegen. „Finden wir es heraus.“

„Darf ich Euch etwas bringen?“, fragte die Magd mit freundlichem Lächeln. Sie war eine junge Schönheit, ihr Blick besaß die Unbekümmertheit der Jugend. „Ein Bier, eine Schüssel Eintopf? Wir haben aber auch …“
„Das nehme ich beides“, unterbrach sie Ailbeart. „Das, und noch eine Erklärung.“
„Eine … Erklärung?“
Ailbeart lächelte gefasst. „Wieso hängt bei Euch ein Toter im Schankraum?“
Die Farbe wich aus dem Gesicht der Magd. Unwillkürlich sah sie sich um, fasste sich an den Hals.
„Aber … hier ist kein … kein …“ Sie begann sich am Hals zu kratzen.
„Doch, das ist er“, sagte Ailbeart mit möglichst fester Stimme und in seinen Ohren klang das Knarzen des Strickes. Oder war es real? Er saß mit dem Rücken zu der Stelle, ein Fehler, wie er jetzt bemerkte.
„Ihr könnt ihn nicht sehen, wohl aber ich. Ein Fluch lastet über diesem Haus, ein unruhiger Geist, ein rastloser Verstorbener. Habt Ihr noch nie etwas in dieser Hinsicht gespürt?“
Das Knarzen war definitiv nicht nur in seinem Kopf. Hörte trotzdem nur er es? Die Magd sah betreten zu Boden. „Ihr sprecht besser mit meinem Vater“, sagte sie tonlos und deutete zur Theke. Sie kratzte sich immer stärker am Hals, sodass die Haut rot wurde und ging schließlich.

Ailbeart, erhob sich langsam und rang kurz mit sich, ob er einen Blick über die Schulter zurückwerfen sollte. Hatte er Lust auf einen weiteren Anblick des Erhängten? Kaum, aber er konnte nicht anders. Doch genau in dem Moment, in dem er sich drehte, verstummte das Knarzen und die Stelle mit dem Erhängten war leer. Trotzdem meinte er in der Luft Konturen von dem Unglücklichen zu erkennen, wie ein Flirren heißer Luft im Sommer. Ailbeart spürte, wie der Blick des Toten auf ihm ruhte, spürte, wie der Hauch des Totenreiches ihn umgab.
„Na schön.“ Ailbearts Stimme versagte beinahe. „Gehen wir der Sache auf den Grund.“
Tessa lag friedlich unter dem Tisch und hatte den Kopf auf ihre Pfoten gelegt. Wenn sie so entspannt war, konnte keine unmittelbare Gefahr von all dem ausgehen. Oder?

Ailbeart trat an den Tresen heran, hinter dem der Wirt gerade an einem großen Bierfass stand und einen Krug befüllte.
„Verzeiht, Eure Tochter hat mich an Euch verwiesen.“
„Worum geht es?“, fragte der Wirt ohne sich umzublicken. Er stellte einen gefüllten Bierhumpen auf die Theke, und machte dann gleich mit dem nächsten weiter.
„Mir scheint, Ihr habt einen Gast, der möglicherweise ungebeten hier ist.“
„So? Glaube ich nicht, es kommen nur noch wenige Stammkunden aus der Gegend her.“ Ein weiterer Krug wurde auf die Theke gestellt.
„Vielleicht gerade deshalb?“
„Oh nein. Ich führe den Laden jetzt schon über zwanzig Gezeitenläufe lang, es liegt an der neuen Hauptstraße, die nimmt uns die Reisenden weg!“
Die Bezeichnung ‚Gezeitenlauf‘ hatte Ailbeart schon lange nicht mehr gehört. Und so neu war doch die Hauptstraße gar nicht? Unermüdlich zapfte der Wirt einen Krug nach dem anderen, wurde immer gehetzter, als warteten hundert Gäste auf ihr Getränk. Ailbeart spürte Tessa, wie sie sich an sein Bein drückte und leise winselte. Das Knarzen war wieder da, lauter als zuvor und ein kalter Schauer strich Ailbeart den Rücken hinab wie eine tote Hand. Ailbearts Hände zitterten, sein ganzer Körper schlotterte vor Angst. Weglaufen? Würde das überhaupt gehen? Oder zöge er sich damit den Zorn des rastlosen Toten zu? Ailbeart schloss kurz die Augen, atmete durch. Er musste das jetzt durchstehen, für einen Rückzieher war es längst zu spät. Sein Blick blieb an den gefüllten Bierkrügen hängen, besser gesagt, dort, wo sie hätten stehen sollen. Es stand nur ein Krug auf der Theke, so viel und schnell der Wirt sich auch bemühte, weitere dazuzustellen. Ailbearts Magen sackte ein Stück weg und er musste sich festklammern.
„Wann habt Ihr die Gaststätte übernommen?“, fragte er mit schwankender Stimme.
„Das muss im Gezeitenlauf vierhundertvier gewesen sein. Das war ein herrlicher Sommer damals, sowas gibt’s heute nicht mehr.“ Der Wirt wischte sich kurz den Schweiß mit dem Ärmel von der Stirn und machte weiter.

Ailbeart presste die Lippen aufeinander. Wie sollte er dem guten Mann sagen, dass das Jahr vierhundertvier gut zweihundert Jahre in der Vergangenheit lag?

„Wie ist Euer Name, guter Mann?“, fragte Ailbeart, während sich seine Gedanken überschlugen.
„Beorgart.“ Eine Art der Namensgebung, die heutzutage längst nicht mehr gebräuchlich war. Womöglich stammte er von den Jarlinhgar aus dem Norden. Er stellte einen weiteren Krug auf die Theke, ohne zu merken, dass es immer dieselbe Stelle war und niemand die Krüge abholte. Ailbeart sah einige Wimpernschläge lang auf Tessa hinab, was er meistens tat, wenn er nachdachte. Wie konnte er jemandem schonend beibringen, dass er nicht mehr lebte? Ailbeart seufzte. Gar nicht.
„Beorgart, Ihr … Ihr seid tot.“ Schlagartig änderten sich im Schankraum die Lichtverhältnisse, als mussten zu wenige Kerzen mit unstet flackernden Flammen eine aufziehende Düsternis in Schach halten. Wind pfiff durch ausgebrochene Fenster und das wohlbekannte, schaurige Knarzen war das einzige Geräusch im Raum. Ailbeart spürte einen gewaltigen Kloß im Hals sitzen. „Es tut mir leid.“

Beorgart hielt inne, zum ersten Mal seit dem Beginn ihres Gesprächs, die Schultern nach vorne geneigt, das Haupt gesenkt. Was jetzt wohl in ihm vorging? Hatte ein Geist überhaupt noch normale Gedanken wie ein Lebender? Seine Schultern begannen zu beben und er hielt eine Hand vor die Augen. Beorgart wusste es, womöglich schon lange, und wollte es sich nicht eingestehen.
Ailbeart schluckte schwer. „Hört zu, es muss eine Lösung für …“
Urplötzlich fuhr der Wirt auf der Stelle herum, wirr hingen ihm seine schwarzen Haare ins Gesicht, welches aschfahl und zu einer dunklen Fratze verzerrt war. Blaue Äderchen zeichneten sich mit feiner Verästelung ab.
„Verschwindet“, schrie er mit heißerer Stimme, die Ailbeart durch Mark und Bein ging. Tessa bellte und knurrte vernehmlich. Beorgart schien sich auf Ailbeart stürzen zu wollen, doch eine unsichtbare Kraft hielt ihn an Ort und Stelle fest. Ailbeart schnappte nach Luft, er hatte den Atem angehalten und sein Herz musste ungefähr zwei Schläge nachholen, die es ausgesetzt hatte.
„Ihr könnt mir nichts tun, Beorgart, Ihr seid beerdigt worden.“ Ailbeart dankte den Göttern für diesen Umstand, es war pures Glück, sich darauf zu verlassen. Wird jemand nicht ordnungsgemäß zu Grabe getragen und kehrt als Spukgestalt zurück, kann er massiven Schaden an der Welt und seinen Bewohnern anrichten. Wer jedoch ein göttergefälliges Begräbnis erhalten hatte, konnte nur als rastloser Geist umherirren, wenn ihn etwas keine Ruhe finden ließ. Aber das reichte, die Lebenden zu Tode zu ängstigen. Ailbeart hatte schon viel darüber gelesen, es war ein seltenes Phänomen, daher wurden solche Vorkommnisse umso ausführlicher und detaillierter dokumentiert. Bei allem theoretischem Wissen, welches Ailbeart besaß, war es allerdings etwas ganz Anderes, sich tatsächlich mit solch einer Art der Begegnung konfrontiert zu sehen. Und wer wusste schon, ob alle Thesen in den Büchern stimmten …

„Ich hasse euch alle! Verrecken sollt ihr!“ Beorgart spie die Worte aus, Hass loderte schwarz und bodenlos in seinen tief sitzenden Augen. Ailbeart schlotterten die Knie, aber er versuchte ruhig zu bleiben. In Panik zu verfallen, war keine Lösung, und womöglich war der Geist Beorgarts doch zu mehr imstande, als man vermutete. Tessa winselte und duckte sich, Ailbeart konnte es ihr nicht verübeln, innerlich tat er dasselbe.
„Ich kann dir helfen“, sagte Ailbeart mit zittriger Stimme.
„Nein! Niemand kann das. Niemand kann ungeschehen machen, was meinem Kind, meinem einzigen Kind, widerfahren ist. Meine liebe gute Cearlin haben sie sich geschnappt, diese elendigen Halbstarken. Haben sie in den Wald gezerrt und …“, Tränen rannen seine Wangen hinab, „schreckliche Dinge mit ihr getan. Mit zerrissenem Kleid, zerzausten Haaren und Blut zwischen den Beinen haben sie sie nach Hause laufen lassen. Wie konnten sie nur? Wie konnten sie das nur einem Menschen antun? Schon immer haben sie meinem Mädchen nachgestellt, doch sie hat sich nicht beeindrucken lassen. So tapfer war sie, meine liebe gute Tochter, tapfer und schön, aber seit diesem Tag hat Cearlin nie mehr gelacht, nicht ein einziges Mal. Ein Schatten lag über ihrer Seele und ihrem hübschen Gesicht, starr war es geworden wie eine Maske, die Augen tot und leer.“

Der Zorn kehrte zurück, Beorgart bäumte sich kurz auf, doch er kam nicht frei. Ailbeart sackte trotzdem vor Schreck kurz der Magen, Angst quetschte seinen Brustkorb zusammen. Tiefsitzender Hass hielt Beorgart in dieser Welt – zu was mochte er ihn befähigen?
„Und weißt du, was die Strafe für diese Burschen war? Drei Monde Frondienst, das war’s. Lächerlich! Sie zerstören ein Leben und selber kommen sie mit drei lächerlichen … Das kann ich nicht akzeptieren. Den Tod haben sie verdient, jawohl, das haben sie! Sie gehören aufgeschlitzt und ausgeweidet vor aller Augen!“
Die Redseligkeit überraschte Ailbeart, aber er hütete sich tunlichst davor, Beorgart zu unterbrechen. Solange der Geist nur redete, war es für ihn, Ailbeart, nicht gefährlich. Die Worte sprudelten nur so aus dem Wirt heraus, als hätte er nur darauf gewartet, sie endlich sagen zu können.
Einen Moment lang funkelte Beorgart Ailbeart böse an, dann schlug er die Hand vors Gesicht und schluchzte. „Ich hatte das Messer schon in der Hand und war bereit, loszugehen. Aber ich habe es nicht fertiggebracht. Ich bin zu Cearlin gegangen, sie saß wie immer in ihrem Zimmer auf dem Bett und starrte die Wand an. Ich habe ihr das Messer gezeigt, sie angefleht, mir irgendein Zeichen zu geben, etwas mitzuteilen, was ich tun soll. Ob es ihr helfen würde, wenn ich diese drei Burschen … aber da war nichts. Nichts, sie hat durch mich hindurchgesehen, ihre einstmals wundervollen grünen Augen, keine Regung, gar nichts!“
Betreten musste Ailbeart den Blick senken. Allein die Vorstellung von Beorgarts erlittener Tragik war kaum auszuhalten. Der Wirt schwieg und starrte mit bebenden Lippen ins Nichts. „Jetzt war mir klar, dass sie in dem Wald gestorben war und nur noch ihr Leib lebte. Jetzt war mir klar, was getan werden musste.“

Beorgart atmete angestrengt, stand da mit Gram gebeugtem Rücken und seltsam schief hängendem Kopf. „Ich habe sie angeschrien, ich war außer mir. Wieso hat sie nicht reagiert? Wieso? Ich habe sie angefleht, ich habe sie gepackt und geschüttelt, doch sie ließ alles mit sich machen. Ich wollte mein Mädchen wiederhaben, was fröhlich mit Puppen spielt, das Haus mit ihrem glockenhellen Lachen erfüllt, deren blonde Locken so strahlten wie der hellste Tag. Aber sie würde nicht mehr wiederkommen, nie mehr. Da habe ich das Messer genommen und … und ihr die Kehle durchgeschnitten. So viel Blut war da plötzlich überall … so viel Blut sprudelte ihren Hals hinab, über ihr weißes Kleid, das Bett, den Boden. In meiner Hand das Messer, ein einfaches kleines Küchenmesser hatte das angerichtet. Es fiel mir aus der Hand, Cearlin war nach hinten umgekippt und ihre Haut wurde langsam blass. Ihr Blick war immer noch starr, die Augen weit aufgerissen. Jetzt kann sie ausruhen, habe ich mir gesagt, jetzt ist sie die Düsternis im Herzen los.“

Beorgart schwieg einen Moment und Ailbeart wurde sich jetzt erst der allumfassenden Stille bewusst, die sich über das Gasthaus gelegt hatte. Nichts war zu hören, kein Wind, kein Regen, nicht das kleinste Geräusch. Ailbeart vergaß sich zu fürchten, so sehr schockte ihn die Erzählung des Wirtes. Was konnte Ailbeart tun? Hatte er womöglich zu viel versprochen? Ehe er sich weitere Gedanken darüber machen konnte, fuhr Beorgart unvermittelt fort.
„Ich bin hinaus aus dem Zimmer, habe leise die Türe geschlossen und bin runter in den Schankraum. Der war voll und ich habe mich in die Arbeit gestürzt, zapfte Bierkrüge. Meine Frau kam kaum mit dem Bedienen hinterher. Sie war so stark, viel stärker als ich. Wie sie das alles meisterte, das Gasthaus, den Vorfall mit Cearlin, ich kann sie nur bewundern. Später, es waren schon etliche Gäste gegangen oder hatten sich auf ihre Zimmer zurückgezogen, zapfte ich noch immer einen Krug nach dem anderen, ich wollte nicht aufhören, denn sonst wäre Zeit gewesen nachzudenken … Meine Frau fragte nach Cearlin und ich sagte, ihr geht es jetzt sehr viel besser. Daraufhin ist sie hoch und hat nachgesehen. Ihr Schrei war bis hinunter zu hören und alle verstummten. Sie kam wieder hinunter gewankt, kreidebleich. ‚Was hast du getan?!‘ schrie sie mich an und schlug auf mich ein. Den Leuten wurde es unheimlich und sie sind gegangen, auch die Übernachtungsgäste, nachdem sie mitbekamen, was los war. Ich habe weiter Krüge gefüllt, aber es wollte niemand mehr etwas haben. Schon bald war ich allein im Schankraum, hörte oben meine Frau bitterlich weinen. Es gab nur noch einen Ausweg für mich. Ich habe meinen besten Strick geholt, eine Schlaufe geknüpft und mich in derselben Nacht erhängt.“ Tränen rannen Beorgart die Wangen hinab, hinterließen feuchte Bahnen auf seinen eingefallenen Wangen.

Ailbeart hatte selber Kinder, sie waren längst erwachsen und lebten in der Provinz Wyria mit ihren Familien. Er mochte sich nicht vorstellen, wie er sich als Vater gefühlt hätte, wenn ihm etwas ähnliches wie Beorgart widerfahren wäre.
„Ich kann deinen Schmerz verstehen, Beorgart“, sprach Ailbeart mit all seinem Mut, „aber nichts rechtfertigt einen Mord. Es hat dir Cearlin nicht wiedergebracht, im Gegenteil, du hast noch mehr Leid über deine Frau und dich selber gebracht. Hast dich auch noch der Verantwortung für deine Tat entzogen, und das lässt dir keine Ruhe.“
Kurz sah es so aus, als wollte Beorgart aufbegehren, doch dann knickte er ein. „Es gibt noch Bier, ich fülle gerne noch ein paar Krüge …“ Er drehte sich um und das rhythmische Knarzen war wieder da. Wenn nichts geschah, würde Beorgart hier bis ans Ende aller Tage gefangen sein. Fieberhaft dachte Ailbeart nach. Dann hatte er eine Idee. Eine gute und zufriedenstellende, hoffentlich.
„Ich kann dir helfen“, sagte er, aber Beorgart schüttelte schwach den Kopf.
„Niemand kann das. Niemand kann ungeschehen machen, was passiert ist.“
„Das stimmt. Aber ich kann niederschreiben, wie es dir ergangen ist. Was deine Empfindungen waren, wie sehr sich dein Leben durch diese schreckliche Sache, die deiner Tochter widerfahren ist, verändert hat. Wie schlimm es war, jeden Tag mit anzusehen, wie es sie gebrochen hat.“
„Aber ich bleibe ein Mörder.“
„Ja, das bleibst du. Meine Erzählung der Dinge kann deine Tat nicht entschuldigen, aber es wird sie erklären. Die Leute werden verstehen können, was dich dazu getrieben hat. Sie werden dir vielleicht vergeben können.“
Beorgart blickte sich um und zum ersten Mal lag Hoffnung in seinen Augen. Die gramzerfurchte Mimik war etwas geglättet. „Würdet Ihr das tun?“ Seine Stimme war nur ein Flüstern.

„Ich kann und ich werde, Beorgart, aber du musst dich vor dir und den Göttern schuldig bekennen, denn diesen Teil kann ich dir nicht abnehmen. Ich kann dir versichern, dass ich die örtliche Chronik einsehen und diesen Teil ausführlich ergänzen werde. Ich bin offizieller Chronist im Zirkel der Gelehrten, ich habe die Befugnis dazu.“
„Ich wäre Euch unendlich dankbar.“ Beorgart klammerte sich an Ailbearts Vorschlag wie ein Ertrinkender an eine Rettungsleine.
Ailbeart presste die Lippen aufeinander und bemühte sich um ein Lächeln. Als Zeichen des Dankes würde es ihm vollkommen genügen, hier mit Tessa unbeschadet wieder herauszukommen.
„Ich schwöre es vor allen Göttern. In der Chronik wird Euer Schmerz und Verlust dokumentiert sein, Ihr müsst im Gegenzug Eure Schuld eingestehen, vor Euch und den Göttern. Nur so werdet Ihr Ruhe finden.“
Beorgart strich sich die Haare aus dem Gesicht, richtete sich auf und nickte schließlich. Gerade und aufrecht stand er da, er musste ein stattlicher Mann gewesen sein, ehe Gram und Trauer ihn niederrangen. „Was habe ich nur getan? Wie konnte ich glauben, das Richtige zu tun? Welch Wahnsinn hatte mich befallen … Ich bereue es so sehr …“
Ein Strick riss und etwas fiel polternd zu Boden. Ailbeart wirbelte erschrocken herum, doch da war nichts. Er sah nur den leeren Schankraum, alt, heruntergekommen, so, wie ein verlassenes Haus aussehen sollte. Trübes Licht des bewölkten Spätnachmittags fiel durch die Fenster herein. Als er sich wieder zur Theke umdrehte, war Beorgart weg.

Ailbeart blickte sich um und wagte kaum zu atmen. Lag noch Düsternis über dem Ort? Jenes bedrückende Gefühl der Last und Schuld, des Leids? Ganz geheuer war es Ailbeart nicht, aber er hatte den Eindruck, dass er nur noch in einem alten Haus stand, nicht mehr in einem verfluchten Gemäuer. Tessa sah hechelnd und mit erwartungsvollem Blick zu ihm hoch. Sie schien unbesorgt, also konnte Ailbeart es auch sein. Er kraulte sie kurz hinter den Ohren, dort, wo sie es so gerne mochte.
„Na komm, Tessa, gehen wir. In Miselgom werden wir uns mit der örtlichen Chronik mehr beschäftigen müssen, als gedacht.“

Die Erzählung des Wirtes (c) Kilian Braun 2016