Freitag, 23. Dezember 2016

Ab in die Winterpause mit einer (ganz gewöhnlichen) Weihnachtsgeschichte

"Wenn die staade Zeit vorbei ist, wirds endlich wieder ruhiger." - Karl Valentin

(c) Angelika Braun 2016
Mit diesem treffendem Zitat und einer (ganz gewöhnlichen) Weihnachtsgeschichte, die ich vor Jahren schon geschrieben habe, möchte ich mich in die Winterpause verabschieden. Ich wünsche euch allen schöne Weihnachten und einen guten Rutsch ins Neue Jahr! Mitte Januar melde ich mich wieder zurück :)


Eine (ganz gewöhnliche) Weihnachtsgeschichte 

Einmal im Jahr gab es eine besondere Zeit im Haus, die Mortimer stets aufs Neue verwunderte. Mit abnehmenden Temperaturen kündigte sich dieses familiäre Großereignis langsam an und die erste Aufregung entstand für gewöhnlich, wenn statt Regen dicke weiße Flocken vom Himmel fielen.

„Mama, komm schnell, es schneit!“ Nina drückte sich dann an der frisch geputzten Scheibe der Terrassentür die Nase platt und Mortimer stand etwas ratlos daneben. Gut, zugegeben, die dichte herabrieselnde Flut ganz in Weiß war schon etwas Faszinierendes.
„Mama! Komm endlich!“ Nina hüpfte aufgeregt.  „Ich will raus!“
„Glei-heich“, kam es als völlig ungenügende Antwort aus der Küche.
„Nein, sofort!“
Enttäuscht sah Nina Mortimer an, der den Kopf schief legte und kurz bellte.  „Gell, du willst auch raus, oder?“
Ja, warum nicht? Mit Nina ging Mortimer gern raus. Mit ihr konnte man wunderbar im Garten spielen und herumtollen. Bei Enno war das nicht mehr so. Seit ihm ein dünner Flaum im Gesicht zu wachsen begann, was er stets vehement als Bart titulierte, war er anders geworden.
„MAMA!“ Nina stampfte zornig mit dem Fuß auf, wollte aber den Platz an der Terrassentür und den Blick auf den Garten nicht preisgeben. Der bereits vorherrschende Frost machte es möglich, dass sich eine erste weiße Schicht auf der Wiese bildete.
„Man, Nini, schrei nicht so rum.“ Das war Enno, der gelangweilt ins Wohnzimmer schlurfte, die offen stehende Zimmertür demonstrativ ignorierte und sich dazu herabließ, die beiden mit seiner Anwesenheit zu beehren. Mortimer bellte eine knappe Begrüßung. Nina wies mit aufgerissenen Augen auf den Beagle. „Siehst du, er will auch raus!“
Enno verdrehte die Augen. „Regt euch ab, es ist nur Schnee, verdammt.“ Damit hatte Enno genug und schlurfte schon wieder davon. Mortimer vermutete, dass er in sein Zimmer zurückkehren und wieder einmal derart laut Musik hören würde, dass es ihm, Mortimer, nicht mehr möglich war, in dem Zimmer zu verweilen. Schade eigentlich, denn er war gern in Ennos Zimmer gewesen. Aber er hatte ja noch Nina. Und die wollte immer noch raus, Mortimer konnte ihre Aufregung spüren. Also gab er sich einen Ruck und trabte zur Küche. Schon auf dem Weg dorthin nahm er eine Dunstwolke wahr, die sich von dort zu verbreiten schien. Es war ihm unerklärlich, wie die Menschen die Quelle dieser teils abstrusen Gerüche auch noch essen konnten, aber manchmal roch es schon sehr verführerisch, auch für ihn. Für gewöhnlich bekam er nichts vom Tisch, aber er hatte einen unschlagbaren Trick entwickelt, den er vorzugsweise bei Ninas Mama anwandte. Er kündigte sich mit einem etwas zu lauten Bellen an, um sicher zu gehen, auch die Aufmerksamkeit zu haben. Dann, als Ninas Mutter sich gerade ungehalten ob der Störung umdrehte, setzte er sich, blickte sie mit großen Augen und angelegten Ohren an und stieß sein herzzerreißendstes Winseln aus. Entnervt wischte sich Ninas Mutter ihre Hände trocken. „Ist ja gut, ihr Quälgeister! Ich komme ja.“

Das war der Beginn einer Zeit, in der sich das Haus mit den Wochen veränderte. Mortimer beobachtete gern von seinem Hundekorb aus neben der Couch das Geschehen. Nicht nur die Jahreszeiten wiederholten sich, sondern auch die Wortwechsel zwischen seinen Herrchen.
„Schatz, wir sollten dieses Jahr mal neue Weihnachtsdeko kaufen.“ Noch war der Tonfall von Frauchen wohlwollend.
„Wir haben im Keller zwei ganze Kisten voll“, kam die Antwort von Mortimers Herrchen auf der Couch aus der Deckung einer weit geöffneten Zeitung.
„Ich will aber mal was Neues!“
„Das kostet jetzt ein Vermögen. Wir schauen, ob wir später etwas im Schlussverkauf finden.“ Raschelnd wurde die Zeitung umgeblättert, ohne freilich die Mauer aus Papier aufzugeben.
„Das hast du letztes Jahr auch schon gesagt und wir haben dann nichts gekauft.“
„Eben, weil wir nichts brauchen.“
Mortimer meinte ein Grinsen in der Stimme zu hören. Frauchen wohl auch, denn sie baute sich breitbeinig vor dem Schutzwall der Zeitung auf.
„Peter, so geht das nicht. Du kannst mir das nicht immer verbieten.“
Mortimer horchte auf. Wenn die Namen genannt wurden, wurde es meistens ernst. Ein kurzer Moment der Stille legte sich über die angespannte Situation, ehe Frauchen der Kragen platzte. „Ich kaufe einfach was! Und neue Kugeln für den Baum will ich auch!“
Mit lautem Rascheln fiel die Zeitungsmauer in sich zusammen und offenbarte einen genervten Papierburgbesitzer. „Gabi, wir haben so viele Kugeln im Keller, dass wir drei Bäume schmücken könnten.“
Gabi neigte sich trotzig ein Stück nach vorn. „Und wenn wir die ganze Nachbarschaft versorgen könnten – ich will Neue!“ Damit war das Thema vom Tisch und Gabi schritt als Sieger vom Platz, während Peter seine nicht mehr ganz so glatte Zeitungsmauer ungehalten wieder aufbaute und mit energischem Umblättern seinen Missmut ausdrückte.

Je mehr die Schneeberge auf den Straßen, Gehsteigen und Bäumen wuchsen, desto mehr wuchs auch der Trubel. Ein wichtiger Termin im Hause Ulman war das viel und oft angekündigte Plätzchenbacken.
„Mama, wann backen wir Plätzchen?“, pflegte Nina täglich zu fragen, bis Frauchen dann endlich mit „Nächsten Samstag“ die erlösenden Worte aussprach. An jenem besagten Tag herrschte schon gleich nach dem Frühstück geschäftiges Treiben in der Küche.
„Enno, willst du nicht mithelfen?“, fragte Gabi vorsichtig ihrem Sohn. Der saß ungerührt mit tief ins Gesicht hängenden Haaren noch am Frühstückstisch in der Küche und hielt seinen Blick konsequent auf sein Smartphone gerichtet.
„Enno?“ Keine Reaktion. Mortimer vernahm deutlich die Musik aus kleinen Knöpfen, die sich Enno seit längerer Zeit immer öfter in die Ohren steckte.
„Enno!“ Gabi wedelte an seinen herabhängenden Haaren. Das hasste er …
Unwirsch strich er sie sich aus dem Gesicht und riss einen Ohrstöpsel heraus. Leises, rhythmisches Wummern war zu hören. „Was ist denn?!“, fauchte er seine Mutter an.
„Ob du mithelfen willst, Plätzchen zu backen.“ Der resignierende Tonfall läutete schon die Niederlage ein.
„Nope“, kam es prompt.
„Ach schade, früher hast du das doch gerne gemacht. Du darfst auch ausstechen.“
„Ich will ausstechen“, brüllte Nina entrüstet dazwischen.
Ennos Blick gelangweilter Blick sprach Bände. „Mama, ich bin dreizehn! Stech deine scheiß Plätzchen selber aus.“
Trotz aller Erduldungstoleranz sah sich Peter nun gezwungen, einzugreifen. „Man, was soll denn immer dieser Ton? Ich bin dein Vater, ich will nicht, dass du so mit uns redest!“
Enno verdrehte die Augen. „Du darthvaderst schon wieder, Dad.“
Damit verschwand der Musikknopf wieder im Ohr und Gabis energische Maßregelung wurde für Enno zu einer Szene aus einem Stummfilm.
„Willst du ihm das immer durchgehen lassen, Peter? Dein Sohn ist rotzfrech geworden.“
Herrchen kippte plötzlich erstaunlich schnell seinen zuvor als zu heiß bezichtigten Kaffee hinunter.
„Wie sagte Karl Valentin so schön: Wenn die staade Zeit vorbei ist, wird’s endlich wieder ruhiger … Komm, Morti, wir drehen ‘ne Runde.“
Entrüstet stemmte Gabi ihre Hände in die Hüften. „Und jetzt lässt du mich hier einfach allein?“
Ja, das tat er. Ehe Mortimer es sich versah, war die Leine am Halsband befestigt und noch während Peter sich die Jacke anzog, musste das Haus verlassen werden. Der harsche Schnee auf dem geräumten Gehweg knirschte bei jedem Schritt. „Keine Sorge, die beruhigt sich schon wieder.“ Mortimer sah kurz hoch und kläffte, was so viel bedeutete: Ich bin nur der Hund, du jedoch solltest dir schon mal was als Wiedergutmachung überlegen.

Am nächsten Tag saß man im Wohnzimmer um einen Zweigkranz zusammen, auf dem vier Kerzen steckten und heute die dritte Kerze angezündet wurde. Auf mehreren Tellern lagen die fertigen Backwerke von Gabi und Nina und während Enno seine Anerkennung des Beisammenseins damit ausdrückte, sich nicht unablässig mit Musik zu beschallen, versäumte es Peter nicht, jede Sorte ausführlich und mit Engelszungen zu loben.

Dann kam die Sache mit dem Baum und den Geschenken. Eines Abends kam Peter von der Arbeit und Mortimer merkte bei der alltäglichen Begrüßung sofort den intensiven Tannennadelgeruch. Das bedeutete, dass jetzt ein Tannenbaum passender Größe zusammengeschnürt im hinteren Eck der Garage stand. Das verstand Mortimer überhaupt nicht. Draußen im Wald standen hunderte davon herum, aber diesen einen durfte Nina nicht sehen?
„Hast du den Baum besorgt?“, fragte Gabi, nachdem sie Nina eine Gutenachtgeschichte vorgelesen hatte und ins Wohnzimmer kam.
„Klar.“
„So klar ist das nicht. Letztes Jahr warst du so spät dran, dass wir uns mit einer Fichte begnügen mussten.“
„Die war doch in Ordnung.“
„Sie war potthässlich.“
„Es war immerhin ein Baum.“
„Peter!“ Mortimer öffnete für einen prüfenden Blick ein Auge. In diesen Tagen wurden immer recht früh Namen genannt, sonst dauerte es meist länger, ehe dieser kritische Punkt erreicht wurde.
Peter hob beschwichtigend die Hände. „Keine Panik. Es ist eine wundervolle, sündhaft teure Nordmann-Tanne.“
Er sah sich suchend um, entdeckte die Fernbedienung des Fernsehers neben Selbigem liegen und stapfte missmutig los. „Wer legt denn das Ding immer da hin? Das ist eine Fernbedienung, für die Ferne. Hast du eigentlich an das Geschenk für Tante Renate gedacht?“
Gabi fuhr sich nervös durch ihr brünettes Haar. „Welches Geschenk?“
„Na, das Geschenk! Das Geschenk zu ihrem runden Geburtstag.“
„Sie hat Geburtstag?“ Gabis Wangen waren leicht gerötet.
Peter nickte übertrieben. „Am selben Datum wie letztes Jahr, stell dir vor.“
„Müssen wir ihr überhaupt was schenken?“ Frauchen ging in die Offensive. „Ich meine, immer diese Schenkerei zu Weihnachten und auch zum Geburtstag.“
Herrchen ließ sich mit einem Seufzen auf die Couch fallen. „Sie hat nun mal kurz nach Weihnachten Geburtstag, was kann ich denn dafür?“
„Denk du mal lieber an die CD für deinen Sohn, die er sich so sehr wünscht.“
„Ja, ja, ich weiß Bescheid, ich besorg die schon noch.“
Gabi schnitt eine Grimasse. „Du wirst wahrscheinlich am 24. in wilder Panik durch die Stadt rennen …“
„Ja, stimmt, ich sollte gleich los, sonst gibt es nur noch Fichten-CDs.“
Einen Moment lang stand Gabi da wie vom Donner gerührt und stieß einen Laut der Verzweiflung aus. Peter lehnte sich mit einem zufriedenen Grinsen wieder zurück. „Keine Sorge, ich besorg ihm eine schöne Nordmann-CD. Bei Amazon.“
Gabi wollte eigentlich wütend sein, musste aber trotzdem lachen. „Du bist so blöd manchmal, weißt du das?“
Herrchen nickte nur mit außerordentlich zufriedenem Gesichtsausdruck und schaltete den Fernseher ein.

All das mündete in den lang ersehnten, hart erarbeiteten Weihnachtsabend. Der Baum stand am üblichen Platz und hatte neue Kugeln bekommen, die restliche Dekoration war dieselbe geblieben, Tante Renates Geschenk lag bereit zum Einsatz im Schrank und Mortimer hatte genau beobachtet, wie Peter mit einem Augenzwinkern zu Mortimer unter anderem ein flaches, viereckiges Päckchen unter dem Baum platzierte. Die Nordmann-CD? Mortimer erschnupperte, dass es kein heimisches Geschenkpapier war, Herrchen hatte es also fremdeinpacken lassen. So, so.
Nina war furchtbar aufgeregt und Enno kommentierte die Dekorationskünste seiner Mutter mit „läuft bei dir“ und das Weihnachtsessen als „echt fly“ – kurzum, er war zufrieden. Nachdem die Mägen gefüllt waren, versammelte sich die Familie im Wohnzimmer, Kerzen wurden entzündet und Nina stand schon ganz hibbelig vor der Decke, unter der sich die Geschenke verbargen. „Erst wird gesungen“, sagte Gabi wie jedes Jahr und mit Begeisterung stimmte sie ‚Stille Nacht‘ an, der Rest folgte mit leichter Verzögerung und etwas weniger Enthusiasmus. Mortimer schwieg, weil es letztes Jahr wegen ihm mächtig Ärger gegeben hatte. Nicht wegen seinem Geheul, mit dem er sich am Gesang beteiligte, sondern wegen Enno, der deswegen einen minutenlangen Lachflash bekommen hatte. Dann endlich zog Peter die Decke weg, mit voller Absicht so langsam, bis es Nina nicht mehr aushielt, und sie fortriss. Geschenke wurden hochgehoben, Namen verlesen und dann an denjenigen überreicht. Im Hintergrund lief dieselbe Weihnachts-CD zum gefühlten hundertsten Mal, aber das störte keinen. Es gehörte einfach dazu.

An diesem Abend, am Weihnachtsabend, saß Familie Ulman wie unzählige andere Familien beisammen, jeder freute sich über erhaltene Geschenke, freute sich darüber, wie sich die anderen freuten und jeder, ob bewusst oder unbewusst, freute sich vor allem über eines: das Beisammensein.

Fröhliche Weihnachten!

(c) Kilian Braun 2016

Sonntag, 18. Dezember 2016

Weltentor Sci-Fi 2016: Glückwunsch - Sie leben wieder

 

Auch dieses Jahr darf ich bei der Science-Fiction-Ausgabe der Weltentor-Anthologie des NOEL-Verlages wieder dabei sein. Meine Geschichte heißt "Glückwunsch - Sie leben wieder" und dreht sich um Captain Miller und seine Crew, die einmal mehr einen Spezialauftrag zu erledigen hat ...

Hier ist eine Leseprobe:




„Erkennen Sie den Toten, Ma’am?“
Nicht ein gewöhnlicher Angestellter verwaltete diesen Fall, sondern der Stationsleiter der Sektion für Verstorbene, Henry Glom, höchstselbst. Es lagen keine gewöhnlichen Bürger auf fünf seiner sechs Bahren im Leichenschauraum der Raumstation Epsilon-5. So viele auf einmal hatte es in den letzten zehn Jahren nicht gegeben, beinahe hätte der Platz nicht ausgereicht. Die adrett gekleidete Frau in den Dreißigern stand vor der ersten Bahre und hatte ihre Hände auf dem Rücken verschränkt. Sie trug den Anzug eines Investigators der Interstellar World Federation, die  Abzeichen entsprachen dem Third-Grade-Rank, was man bei ihrem Alter nicht erwarten würde. Anna Stone musste zu den Besten gehören, trotz sichtlicher Anspannung in ihrer Haltung besah sie sich abgeklärt den Mann auf der Bahre. Er war Anfang Fünfzig, seine glatt rasierten Wangen sahen blass aus. Wie alle Toten trug er noch seine Uniform der Space Army.
„Mrs. Stone? Erkennen Sie den …“
„Ja“, antwortete Anna Stone schroff. „Es ist Colonel Andrew Smith, Erster Offizier der Seeker.“
Henry nickte, tippte etwas auf seinem SmartPad in seiner Hand und ging dann zur nächsten Bahre.

„Und diese Frau? Erkennen Sie sie?“
Anna Stone folgte ihm mit bedächtigem Schritt, der Klang ihrer Absätze wagte es die Totenruhe zu stören. Die kurzen brünetten Haare der Toten sahen schön aus.
„Ja. Isabella Graham, Tech-Spezialistin der Seeker-Crew.“
Es ging zur nächsten Bahre. „Und hier? Diese Person?“
Ein junger Mann, Ende Zwanzig, Tätowierungen an den Unterarmen. Anna atmete durch.
„Viktor Kokolenko, Mechaniker der Seeker-Crew.“
Das Gesicht der Frau auf der vorletzten Bahre war jung und puppengleich schön. Anna blinzelte mehrfach, es wurde nun doch etwas zu viel für sie.
„Lieutentant Armanda Rodriguez, Navigatorin der Seeker-Crew“, kam sie der Frage vorweg. „Hören Sie, wie kann das sein?!“, begehrte die Investigatorin auf. „Wie kann es sein, dass sie alle … tot sind?“
„Es war offenbar ein Nervengift. Wir arbeiten noch an einer genauen Analyse.“
„Das tun Sie besser, und zwar verdammt schnell, denn das hier wird Konsequenzen haben!“ Anna Stone funkelte Henry böse an, als könne er etwas dafür. Mit stoischer Ruhe ließ er den Wutausbruch über sich ergehen, er kannte diese Art von Reaktionen. Der Verlust geschätzter Menschen schmerzte tief und schwer. Er trat vor die letzte Bahre.
„Wir haben es gleich geschafft, Mrs. Stone. Erkennen Sie den Mann?“
Langsamer als bei den Anderen schloss die Investigatorin auf und kaute auf ihrer Unterlippe. „Ja“, brachte sie schließlich heraus. Der Tote trug seinen Dreitagebart, so wie immer, sah gut aus in seiner Uniform, die ihn als Offizier und Kommandant einer Spezialeinheit auswies.
„Das ist Major General Ryan James Miller. Die ganze verdammte Crew der Seeker liegt hier vor mir, ist es das, was Sie hören wollen?“ Anna drehte sich weg und presste die Hand vor den Mund.
Henry Glom nickte verständnisvoll, machte noch einige wenige Eingaben auf seinem SmartPad, dann schloss er den Vorgang ab. „Bis zur genauen Klärung der Todesursache bleiben die Körper hier unter Verschluss. Ich gebe Ihnen noch ein paar Momente, in Ordnung?“ Anna nickte nur und der Sektionsleiter ging.

Als die Investigatorin sicher war, allein zu sein, sah sie hoch zur Kamera in der Raumecke über der Tür. Kurz danach erlosch das kleine rote Lämpchen, welches die Aufnahmeaktivität des Geräts anzeigte. Aus ihrer Tasche holte Anna eine kleine flache Schatulle hervor und öffnete sie. Darin befanden sich fünf Einwegampullen, deren Inhalt über eine Nadel injiziert werden konnte. Nacheinander tat sie genau dies bei allen Personen auf den Bahren in der Halsgegend. Danach trat sie zurück und achtete auf die kleine Zeitanzeige ihres Minidisplays auf ihrer Contact-Smart-Lenses. Eine Minute verging, dann noch eine.
„Wirkt es nicht?“, hörte sie über ihren Ohrchip. Nur ein kleiner Kreis war in das gewagte Manöver eingeweiht.
„Doch, tut es.“ Anna hoffte es zumindest inständig.
Plötzlich ging ein Arm in die Höhe, jemand hustete, es wurde nach Luft geschnappt. Nach und nach kehrte das Leben in die Personen auf den Bahren wieder zurück.
„Setzen Sie sich langsam auf“, empfahl Anna Stone mit befehlsgewohnter Stimme. „Geben Sie ihrem Kreislauf ein paar Augenblicke.“ Hinter ihrer Selbstsicherheit fiel die Anspannung ab. Es hätte auch ganz anders ausgehen können …
„Es hat verdammt noch mal funktioniert.“ Viktors Stimme mit dem harten Akzent des H4-Quadranten war noch brüchig. Andrew rieb sich mehrfach über das Gesicht und stöhnte. „Wundervoll. Ich werde zu alt für so eine Scheiße.“
„Geht’s dir gut?“, fragte Isabell Armanda, die etwas benommen nickte.
Kommandant Miller war der Erste, der sich von seiner Bahre runter schob und mit noch unsicheren Schritten zu Anna Stone ging. Die aufrechte Haltung der Investigatorin drohte angesichts der Erleichterung einzuknicken.
„Gratuliere: Sie alle sind jetzt offiziell tot.“

Zwei Stunden später befanden sich Anna Stone und die Seeker-Crew in einer Werkstatt des Hangars. Metallregale reihten sich an den Wänden dicht an dicht und waren mit allerlei Werkzeug und Bauteilen bestückt. Ein markanter Geruch von Öl und Metall hing in der Luft. In der Mitte konnten sowohl Laderoboter wie auch andere Gerätschaften der Station für die Reparatur auf einer Hebebühne platziert werden. Jetzt wurde hier nicht geschraubt und verdrahtet, sondern die Investigatorin hatte die Werkstatt zum Briefing-Room umfunktioniert.
„Die Besprechungsräume werden auch immer beschissener.“ Andrew sah sich missbilligend um. „Gibt’s hier auch Kaffee?“ Er war dafür verantwortlich, dass die Füllstandsanzeige für Kaffee im Servicemodul der Seeker stets den unteren Rand nach einer Mission erreicht hatte.
„Hier werden Sie sich mit Öl zufriedengeben müssen.“ Anna Stone hatte sich an die Stirnseite des länglichen Raumes gestellt und sah von einem zum Anderen.
„Sie haben Ihren Tod gut verkraftet, wie ich sehe. Falls Sie nun denken, Sie wären zum Spaß gestorben, muss ich Sie leider enttäuschen.“ Sie hob ihr SmartPad in die Höhe. „Hier ist Ihre nächste Mission.“

Armanda, die Navigatorin, neigte sich zu Isabella. „Die zahlen uns eindeutig zu wenig für den Mist“, flüsterte sie.
„Absolut.“ Isabella nickte.
„Was ist es diesmal?“, fragte Viktor. „Liquidation? Babysitting?“ Mit ‚Babysitting‘ wurde in der Space Army die Tätigkeit als Leibwache bezeichnet.
„Sie sollen etwas überprüfen.“
„Und das geht nur als Walking Dead, oder wie?“, fuhr Viktor dazwischen.
„Vik! Ruhe“, ermahnte Andrew ihn mit passendem Blick. Der Mechaniker neigte ergeben sein Haupt und steckte demonstrativ seine Hände in die Hosentaschen, was für einen Soldaten ungebührliches Verhalten darstellte. Kommandant Miller schwieg, aber ihm entging nichts. Er deutete der Investigatorin, fortzufahren.
„Der Planet Kurkilon-9b ist Teil des Besiedelungsprogramms der WDW Corporation. Nach üblicher Prüfung des Planeten mit einer Forschungsstation wurde verhältnismäßig schnell eine erste Kolonie gegründet und langsam aufgebaut.“
„WDW Corporation? Wer waren die noch gleich?“ Isabella kratzte sich am Hinterkopf.
„WDW, We Discover Worlds. Ein milliardenschweres Unternehmen, alteingesessen und führend in der Planetenerforschung und Besiedelung“, sagte Miller.
„So ist es“, stimmte Anna Stone zu. „In dem letzten veröffentlichten Firmenbericht für den entsprechenden Quadranten wird die Population von Kurkilon-9b mit null angezeigt. Begründung: biochemische Verseuchung. Bei wilden Kolonien ohne vorherige eingehende Planetenprüfung kann das passieren, aber die WDW hat ein ausgeklügeltes System zur Untersuchung von neuen Welten und jahrzehntelange Erfahrung. Einen Fehler in dieser Größenordnung hätten sie anzeigen und erklären müssen. Auf gezielte Nachfragen kommt jedoch keine klare Darlegung. Ausflüchte, Gerede von einer ‚unerwarteten Planetenabnormalie‘. Kurz und gut: Da ist was faul. Einer Investigation seitens der IWF haben sie nicht zugestimmt, auch wenn der MSC da in der Rechtsprechung sehr eindeutig ist. Also müssen wir das komplett abseits der Protokolle vornehmen. Sie werden also offiziell nicht hingeschickt, weil Sie nicht leben und nicht herausfinden sollen, was da nicht geschehen ist.“ Die Investigatorin entfernte ein Fussel von ihrem Ärmel. „Fragen?“

„Wo liegt der Planet?“, fragte Armanda.
„Was weiß man über diese Verseuchung?“, wollte Isabella wissen.
„Da brauchen wir spezielle Anzüge“, stellte Viktor fest.
„Ohne Kaffee fliege ich nirgendwohin.“ Andrew verschränkte die Arme vor der Brust.
Die Investigatorin ließ die Wortmeldungen zunächst ungerührt an sich abperlen.
„Der Reihe nach, Leute“, ermahnte Miller seine Crew.
Anna Stone nahm sich noch einen Moment Zeit, ehe sie antwortete.
„UO1-Quadrant, Renubis-Haufen. Offiziell ist es eine Verseuchung, aber das passt nicht zur Verschwiegenheit in dieser Sache. Passende Ausrüstung wird zur Verfügung gestellt. Auch Kaffee.“

Die Seeker-Crew verarbeitete einige Momente lang die Informationen.
„Wie kommen wir da hin?“, fragte Miller schließlich. „Wir können schlecht mit unserem Schiff fliegen, wenn wir tot sind.“
Anna Stone hatte mit dieser Frage gerechnet und nickte. „Sie reisen mit einem ‚ausgeliehenen‘ Atmosphärenprüfer der WDW.“
„Wissen Sie, wie klein ein AP ist?“ Viktor deutete einen winzigen Abstand mit seinen Händen an. „Das wird zusammen mit der Ausrüstung verdammt eng. Für lebende Organismen ist der nicht unbedingt geeignet.“
Die Investigatorin sah ihn emotionslos an. „Na, zum Glück sind Sie ja momentan tot.“
Viktor rollte mit den Augen und schwieg.
„Wird da die WDW nicht misstrauisch werden?“, fragte Armanda. „Ich meine, jetzt fliegt plötzlich einer ihrer AP dort einfach hin und …“
„Das sind die Dinge, um die ich mich kümmern werde.“ So wie die Investigatorin es sagte, gab es keine Zweifel daran. „Ihr Job wird es sein, mal einen kurzen Blick auf die örtlichen Gegebenheiten zu werfen, ein paar Bilder zu machen, Proben zu nehmen und dann wieder zu verschwinden.“
„Ein Spaziergang also“, kommentierte Andrew und so wie er es sagte, erwartete er das genaue Gegenteil.
„Der einzige leichte Einsatz war der vorherige“, zitierte Miller das Motto der Spezialeinheiten.
„Wann soll es losgehen?“, fragte Isabella.
„Morgen.“
„Morgen schon?“ Isabella stieß die Luft aus. „Ja, klar, warum nicht …“
„Sie dürfen natürlich diesen Raum bis dahin nicht verlassen.“
„Na toll ...“ Armanda war noch nicht lange bei dieser Truppe und staunte, dass wirklich bei jeder Mission eine neue Variante der Unbequemlichkeit geschaffen wurde.
„Da können Sie sich schon mal an die Enge gewöhnen. Sie haben noch gar nicht nach der Flugzeit gefragt. Atmosphärenprüfer haben keinen Dark Drive.“ Entsetzte Gesichter starrten sie an. „Wird also etwa vier bis sechs Monate dauern.“
„Was?!“
„Heilige Scheiße …“
„Also, ganz ehrlich …“
Nachdem die erste Aufregung verklungen war, lächelte die Investigatorin, diesmal offen und ehrlich, was ihr gut stand und die Strenge nahm. „Das war ein Scherz.“
„Ts“, entfuhr es Viktor erleichtert. „Lady, ich sag‘s Ihnen …“
Andrew wandte sich an Miller. „Wir müssen das machen, oder?“
Der Kommandant nickte. „Sorry, ja. Und jetzt, da wir schon mal tot sind …“
Der Erste Offizier verbarg seine Augen hinter der Hand. „Nur noch ein paar Jahre, nur noch ein paar Jahre …“
„Das schaffst du schon, Andrew“, rief Viktor amüsiert. „Du weißt ja: Gestorben wird …?“
„… nur auf Befehl“, ergänzten die anderen das gängige Sprichwort der Soldaten im Chor, Miller sagte nichts, schmunzelte aber.
Anna Stone räusperte sich. „Sie bekommen die Ausrüstung zuerst hier her gebracht, dann können Sie sich damit schon mal vertraut machen. Alle weiteren Infos finden Sie auf Ihren SmartPads. Morgen quetschen – Verzeihung – setzen Sie sich in den Atmosphärenprüfer. Wenn sonst keine weiteren Fragen mehr sind?“ Die Investigatorin strafte sich, strich über ihre tadellos sitzende Uniform und ging zur Tür. Kurz sah sie noch einmal zu Miller zurück.
„Passen Sie auf sich auf.“ Kurz huschte ehrliche Besorgnis über ihr Gesicht, dann ging sie.

...

(c) Kilian Braun 2016