Montag, 29. Oktober 2012

Weltentor-Anthologie 2012

Auch 2012 bin ich in der Weltentor-Anthologie des NOEL-Verlages mit dabei. Diesmal gab es nur ein gemeinsames Siegerbuch für Fantasy, Sience Fiction und Mystery. Um so mehr freut es mich, einen der wenigen Plätze ergattert zu haben. Es folgt eine Leseprobe (der Anfang) meiner Geschichte "Erfolgreicher Krieger":



Schon nach den ersten Schritten durch die niedrige Tür wusste ich, dass ich hier fehl am Platze war. Ich konnte mit Schwert, Spieß und Armbrust umgehen, wusste, wie man ein kleines Feldlager errichtete und auf dem Schlachtfeld überlebte. Kurzum: Ich war ein erfolgreicher Krieger und kein Bücherwurm. Mein Erfolg bemaß sich nicht an Reichtum und Ruhm, sondern schlicht und ergreifend daran, dass ich noch am Leben war. Ich hatte mittlerweile vierzig Neujahrsanfänge erlebt, kaum ein Kämpfer wurde so alt. Das bedeutete, dass ich entweder verdammt feige oder verdammt gut war. In meinem Leben war ich sowohl das eine, wie auch das andere bereits gewesen.

Jetzt befand ich mich jedoch auf einem Kampfplatz der anderen Art: Schriftrollen, Folianten und Pergamente rangen in übermannshohen Regalen um die besten Plätze. Schon der Anblick der Regalwände des ersten Ganges widerte mich beinahe an. Wie konnte man sich nur stundenlang mit Papier herumschlagen? Auch wenn in hundert Jahren kein Bibliothekar aus mir werden würde, musste ich heute hierher. Die Chroniken von Quasarn befanden sich hier, so hatte man mir glaubhaft versichert, in der größten Papieraufbewahrung des Königreiches. Den richtigen Namen konnte ich mir einfach nicht merken.

Vorrücken! Meine Lederstiefel knallten auf dem Steinboden. Es waren nicht die einzigen Geräusche, wie ich rasch feststellte. Gedämpfte Schritte und Stimmen in der Ferne verrieten mir, dass ich nicht allein war. Man hatte mich vor dieser Bibliothek gewarnt. Sie war … anders. Aufmerksam ging ich vorwärts, das Knirschen meiner Lederrüstung gesellte sich zur Geräuschkulisse dazu. An meiner Seite spürte ich das vertraute Baumeln meines Schwertes bei jedem Schritt. Schon nach wenigen Schritten endete der Gang an einer Kreuzung. Nach links ging es eine kleine Treppe nach unten, geradeaus nach oben und rechts ebenerdig weiter. Ich schnaufte unwillkürlich. Das verdammte Ding war ein Labyrinth aus Bücherregalen, darauf war ich nicht vorbereitet. Schließlich zuckte ich mit den Schultern.

Linke Flanke, marsch! Leichtfüßig tippelte ich die Stufen hinab und stieß mir beinahe den Kopf, als ich gewissermaßen unter die Erde ging. Wieder ein Gang, wieder sah ich weiter hinten Abzweigungen. Ich musste leicht gebückt bleiben und ab der Mitte des Weges legte ich meine rechte Hand an das Heft meines Schwertes. Das beruhigte mich wie den Säugling das Schaukeln der Wiege. Ratlos erreichte ich die nächste Kreuzung. Hier unten waren die Gangstücke nur kurz, überall gab es Lücken in den Regalwänden.
Meine Nackenhaare stellten sich auf und sofort erstarrte ich. Ich kannte dieses Gefühl nur zu gut und es signalisierte mir stets nur eines: Gefahr! Mit einer schnellen Bewegung wirbelte ich herum, meine Klinge fuhr aus der Scheide und reckte sich meinem Feind entgegen. Es war … ich stutzte. Ein Bücherregal? Kein Monster, Fiesling oder üble Kreatur, sondern ich hatte mich zu einem Bücherregal umgedreht? Verwundert ließ ich meine Klinge etwas sinken. Da war nur eine Reihe dicker Bücher, sonst nichts. Komisch, ich täuschte mich nie. Tat ich auch diesmal nicht, denn keine zwei Lidschläge später sprang ein üppiger Foliant mit hellbraunem Einband heraus und trotzte der Schwerkraft, indem er kräftig mit den Buchdeckeln flatterte. Ich fuhr erschrocken zusammen und brachte mein Schwert wieder zwischen mich und das fliegende Buch.
„Wie hast du mich bemerkt?!“, rief es mit heller Stimme.
Ich blinzelte mehrmals, ehe mein Verstand mir bestätigte, was ich gehört hatte. Ja, das Buch sprach.
„Instinkt“, antwortete ich monoton und fragte mich im selben Moment, ob ich einem Buch wirklich Rede und Antwort stehen sollte.

 „Wie dem auch sei. Willkommen in der Bibliothek von Zamo’boioi’yranaln!“, verkündete der dicke Foliant mit dem Klang raschelnden Papieres.
„Ich muss mir den Namen nicht merken, oder?“ Man sagte mir immer eine kratzige, gelegentlich unangenehme Stimme nach. Hier schob ich es auf die staubige Luft.
Das Buch flatterte hin und her. „Äh … nein.“
Ich nickte knapp und entspannte mich etwas. Mein Schwert steckte ich deswegen jedoch noch nicht weg.