Sonntag, 4. Dezember 2011

Leseprobe "Randar - Die Schattenwelt"


Auszug aus dem Kapitel:

Wo ist Ylrana!
Jahr 1000 der Sechsten Finsternis
Reich der Vampire: Feste Eri‘Riat

Der Vampir Galrim betrat den Saal des Hohen Rates der Feste Eri’Riat mit einem mulmigen Gefühl. Es war ein prunkvoll eingerichteter Raum mit geradezu verschwenderisch viel Platz. Unzählige Scharten sowie kreisrunde und eckige Fenster in den Wänden und im Dach ließen das Zwielicht der Nacht so geschickt einfallen, dass der Raum zwar erhellt, aber immer noch angenehm düster war. Das Herzstück waren drei kunstvoll gefertigte hohe Lehnstühle aus verdreht gewachsenem, dunklem Holz. Die außergewöhnlichen Sitzgelegenheiten standen im Halbrund an der Stirnseite des Raumes. Drei Personen, ein Mann und zwei Frauen, erwarteten Galrim bereits.

Mit gebührend langsamen Schritten näherte er sich dem Rat der Feste. In exakt zehn Schritten Abstand zu den Sitzen befanden sich drei Symbole auf dem Boden, die mit besonderer Kunstfertigkeit dereinst in den dunklen Stein geritzt worden waren und nun kalkweiß entgegenstrahlen. Jeder Vampir kannte sie: Das linke Emblem bestand aus mehreren Blutstropfen und war das Symbol der Ehrung. Wer sich dorthin aufrecht und mit stolz erhobenem Haupt stellen durfte, hatte sich bewährt, einen wichtigen Dienst für die Vampire geleistet oder eine schwierige Aufgabe gemeistert. Das rechte Zeichen war das Gegenstück hierzu: Ein kurzes Schwert zeigte mit der Spitze zum Delinquenten, links und rechts befanden sich zwei handgroße Kreise, in die derjenige seine Hände zu legen hatte. Auf diesem Symbol musste man auf beiden Knien hockend verweilen, bis das Urteil gesprochen war. Das Emblem in der Mitte war ein eineinhalb Schritt durchmessender Kreis mit einem großen Augenpaar in der Mitte, das Sinnbild der Befragung und Anhörung. Wer vor den Rat zitiert wurde oder freiwillig mit einem Anliegen vor den Oberhäuptern sprechen wollte, musste in diesen Kreis treten und auf ein Knie herabsinken. Die Etikette gebot, dass sich Männer auf das rechte, Frauen auf das linke Knie niederließen.

Unaufgefordert trat Galrim in die Mitte, beugte das rechte Knie und senkte Respekt zollend sein Haupt. Er vermied es nach rechts zum Symbol der Bestrafung zu blicken, denn bei dem bloßen Gedanken daran, dort knien zu müssen, erschauderte er. Der Rat von Eri’Riat war für seine knallharten Bestrafungen bekannt und zögerte nicht, auch kleinste Vergehen unangenehm zu ahnden.
„Galrim, Vampir des 843. Jahres der Sechsten Finsternis, erfahrener Späher und Blutjäger, dreimaliger Gesandter zum Schattenkonzil und Mitglied der Trat’dôl’mer-Tradition – ist dies richtig?“ Die Worte des Mannes auf dem mittleren Lehnstuhl verklangen bedeutungsschwer in dem Saal.
„Ich bin es“, sprach Galrim und folgte damit dem ritualisierten Ablauf. Zunächst stellte der Rat fest, wer vor ihm erschienen war, was dieser mit „Ich bin es“ zu bestätigen oder mit „Ein anderer bin ich“ zu bestreiten hatte. Normalerweise war es nun erst üblich vom Rat aufgefordert zu werden, auf ein Symbol zu treten.
„Nur Eurer vergangenen Taten für die Feste wegen will ich verzeihen, dass Ihr schon einen Platz eingenommen habt. Es ist und bleibt dem Rat vorbehalten, dies zu bestimmen!“
Galrim nickte ergeben. „Ich weiß. Verzeiht.“

Elrom verzog missbilligend das Gesicht und blickte kurz zu seinen Kolleginnen, die ihm knapp zunickten, fortzufahren. „Wir hörten, dass Ihr eine Begegnung mit einem weißhaarigen Menschen hattet. Ist dies so?“ Der schroffe Tonfall verhieß nichts Gutes.
„Ja.“ Galrim verzog kurz sein Gesicht. „Dies ist wahr“, korrigierte er sich schnell, um die formell richtige Antwort zu geben. Bloß nicht verärgern!
„Ein Menschenweib mit weißem Haar ist ohne Zweifel sonderbar und einzigartig, und dennoch habt Ihr sie ziehen lassen. Warum?“ Elroms Stimme durchschnitt mühelos die stehende Luft. Galrim wurde mulmig, zunächst jedoch befand er sich nur in Befragung und es war sein Recht frei zu sprechen.
„Es war eine reine Zufallsbegegnung, Hoher Rat. Wir waren auf Blutjagd und erlegten gerade eine kleine Gruppe, als dieses Mädchen uns entkam.“
„Das ist unmöglich!“, polterte Elrom dazwischen. „Kein Mensch kann einem Vampir entkommen! Sie ist Euch doch nicht etwa aufgrund von Unachtsamkeit entwischt!?“
Galrim blieb ruhig. Er war erfahren genug, auch einer barschen Befragung durch den Rat Stand zu halten.
„Sicherlich nicht, doch dieses Mädchen lief so schnell und ausdauernd, wie ich es noch nie zuvor gesehen habe. Umgehend verfolgte ich es.“ Oridi und Padana nickten bestätigend. Galrim hatte einen kleinen Pluspunkt.
„Die Frau lief in atemberaubendem Tempo und versuchte tatsächlich mich abzuschütteln, doch meine Erfahrung als Jäger vereitelte dies. Schließlich holte ich sie ein.“

Elrom setzte schon wieder zu einer ungehaltenen Aussage an, allerdings kam ihm diesmal Oridi zuvor. Mit einer dezenten Geste der linken Hand hielt sie Elrom zurück, der daraufhin unwillig schnaubte und schwieg. Die Anführerin der Trat’dôl’mer-Tradition hielt Galrim fest im Blick. „Hattet Ihr eine Möglichkeit das Haar zu betrachten?“
Galrim nickte. „Ja. Es war in der Tat blendend grell und die Farbe stach mir in den Augen. Es war unangenehm anzuschauen, doch auf eine eigentümliche Art spürte ich, dass dieses Mädchen etwas Besonderes war. Wie hätte sie sonst vor mir so lange davonlaufen können?“
Elrom lehnte sich mit hämischem Gesichtsausdruck nach vorn. „Vielleicht werdet Ihr alt und langsam, Galrim?“
Der erfahrene Vampir schluckte die bissige Antwort, die ihm auf der Zunge lag, herunter.
„Fahrt fort“, sprach Padana kühl und ungerührt. „Jetzt kommt der wichtige Teil, denn nur zu gern möchte ich wissen, weshalb Ihr das Mädchen nicht zu uns gebracht habt!“ Gespannte Stille trat ein und die stechenden Blicke der Ratsmitglieder ruhten auf Galrim. Der Vampir musste hart schlucken. Jetzt wurde es etwas unangenehm.