Freitag, 29. Juli 2011

Leseprobe Kurzgeschichte "Ilran"

Diese Kurzgeschichte hatte ich für einen Wettbewerb geschrieben, sie kam jedoch nicht in die engere Wahl. Ich habe mich daher entschlossen, sie kostenlos zur Verfügung zu stellen und sie kann als PDF auf meiner Homepage heruntergeladen werden. Viel Spaß beim Lesen!

Inhalt: 
In der großen Metropole Roma hat sich der einflussreiche Senatur Brachus seine Macht vielleicht etwas überstrapaziert und muss nun um sein Leben bangen. Jedoch liegt seine Residenz auf dem gut bewachten Aventinhügel und Brachus hat eine sehr erfahrene Wachmannschaft angeheuert. Es ist kein Zufall, dass einer der besten Attentäter des Landes sich in Roma aufhält: Illran. Aber wer wird nun sein Opfer?
 
Leseprobe:

Senator Brachus saß in seinem bequemen Sessel im Kleinen Saal seiner Villa und wirkte unruhig. Der wohlbeleibte und in feine Tuchgewänder gehüllte Mann Mitte Fünfzig hatte grau meliertes, lichtes Haar und war stets gründlich rasiert. Brachus hasste Bartstoppeln! An manchen Tagen rasierte er sich sogar zweimal, damit das kratzende Gefühl beim Streichen über die Wangen verschwand.
Er war im Laufe seiner politischen Karriere einer der einflussreichsten Mitglieder im Senat von Roma, der Hauptstadt des Königreiches Latium, geworden. Er hatte es zu beträchtlichem Wohlstand gebracht und hart dafür gearbeitet. Er hatte sich immer bemüht, Verbesserungen einzuführen und Missstände zu beseitigen, nicht jedoch ohne seinen eigenen, bescheidenen Vorteil aus den Augen zu verlieren. Allen konnte man es ohnehin nie recht machen. Dennoch war ihm das Wohlergehen aller Bürger Romas stets am Herzen gelegen und was war nun der Dank für seine jahrelangen Mühen? Jetzt musste er um sein Leben fürchten!

Brachus kämpfte sich aus dem gut gepolsterten Sessel auf die Beine und ging rast- und ruhelos auf und ab. Er hatte keine Muße zu lesen oder sich seinen Schreibarbeiten zu widmen, denn seine Gedanken schweiften immer wieder ab. Wie hatte es nur so weit kommen können, dass er, der bekannte und beliebte Senator Brachus, nun in Angst leben musste? Die Situation im Senat hatte sich in den vergangenen Tagen erheblich zugespitzt. Brachus’ Forderung nach einem neuen Steuersystem für die Stadt hatte eine kontroverse Diskussion ausgelöst, bei der viele der reichen, alteingesessenen Ratsmitglieder um ihr Vermögen bangten. Brachus hatte großen Einfluss im Senat und Dank seiner Popularität auch in der Stadt. Es war allgemein bekannt, dass er Beschlüsse auch gegen Widerstand durchsetzen konnte. Leider war die logische Konsequenz, dass er nun sehr ernst zu nehmende Morddrohungen erhalten hatte. Wenn dem störrischen, mächtigen Senator offiziell nicht beizukommen war, dann eben auf hinterhältige Art und Weise.

Brachus hatte so etwas schon lange befürchtet, aber immer wieder verdrängt. Er war sich seiner Macht durchaus bewusst, wollte aber die Kehrseite der Medaille bislang nie wahrhaben, die wie eine große Zielscheibe auf seinem Rücken prangte. Doch nun hatte ihn die Wirklichkeit gnadenlos eingeholt. Der Senator blieb vor seinem Schreibtisch aus edlem Dunkelholz der Südstaaten stehen, auf dem neben unzähligen anderen Schriftrollen auch der letzte Drohbrief lag. Mit einer fahrigen Bewegung griff Brachus danach und überflog die hingekritzelten Zeilen erneut. Es ging klar daraus hervor, dass er seine törichte Idee mit dem neuen Steuersystem sofort fallen lassen solle, andernfalls würde man ihn grausam ins Jenseits befördern.

Erbost schnaubte der wohlgenährte Politiker beim Lesen und warf den Brief verächtlich auf seinen Arbeitstisch zurück. Neben Furcht empfand Brachus auch ungeheuere Wut, dass ihn jemand auf diese Weise beeinflussen wollte. Brachus wäre heute nicht derselbe, wenn er sich in der Vergangenheit so leicht hätte einschüchtern lassen!
Die Zimmertüre öffnete sich vorsichtig und ein Wachmann trat herein. Die prekäre Lage hatte den einflussreichen Senator dazu veranlasst, eine zehnköpfige Söldnertruppe zu seinem persönlichen Schutz anzuheuern. Selbstverständlich hatte sich Brachus nicht lumpen lassen und gutes Geld in seine Sicherheit investiert: Die erfahrene und gut ausgebildete Gruppe von sechs Männern und vier Frauen hatte schon in mehreren Kriegen gedient, zuletzt im besonders harten Tirukto-Feldzug von Kasabari.
Vor Brachus stand Quin, ein kräftig gebauter junger Mann, der es mit seinen erst sechsundzwanzig Jahren zum Anführer der Söldnertruppe gebracht hatte. Eine rotleuchtende, hässliche Narbe zerteilte sein Gesicht und wie durch ein Wunder war keines seiner Augen in Mitleidenschaft gezogen worden. Wie alle Leibwachen war Quin mit einem langärmeligen Kettenhemd sowie zusätzlichen metallenen Rüstungsteilen gut gepanzert, aber gleichzeitig nur wenig in seiner Beweglichkeit eingeschränkt. An der linken Seite hing ein sichtlich gebrauchtes, schmuckloses Schwert in einer dafür vorgesehenen Halterung aus Lederriemen. Doch nicht das martialische Aussehen des Kämpfers verunsicherte Brachus, sondern der schwarze Dreitagebart. Wie konnte ein Mann nur unrasiert sein?
„Alles ruhig, Herr Senator.“ Der dunkle Bass des Kämpfers klang ruhig und entspannt. Für Quin war das Ganze nur eine weitere gut entlohnte Anstellung im harten Geschäft des Waffenvolkes.
„Danke, Quin“, erwiderte Brachus knapp und konnte dem Mann nicht ins Gesicht blicken. Er hatte das Gefühl, die kurzen Barthaare im Gesicht des Mannes wären kleine, sich windende Würmer und würden ihn, Brachus, jeden Augenblick anspringen.

Der Söldner verließ den Raum begleitet von klirrenden Geräuschen seiner Metallkleider. Brachus hatte alle halbe Stunde eine Lagemeldung an ihn angeordnet. Diese strenge Vorschrift galt heute aus gutem Grund, denn als einflussreicher Politiker hatte er sein weitverzweigtes Informantennetzwerk in der Stadt aktiviert und niederschmetternde Informationen erhalten: In zwielichtigen Kreisen munkelte man, dass heute Nacht im Hause Brachus ein Mord geschehen soll!
Ausgerechnet für den heutigen Abend hatte Brachus ein Treffen mit Tarim Halgoran vereinbart, Eigentümer des größten Handelshauses der Stadt Roma. Brachus hoffte auf Halgorans Unterstützung bei der möglichen Einführung eines neuen Steuersystems, daher wollte er sich Halgorans Hilfe zunächst einmal privat in einem vertraulichen Gespräch absichern. Es schien kein Zufall, dass genau heute Abend jemand ermordet werden sollte. Vielleicht wollte man sie sogar beide umbringen?

Brachus wanderte weiter ruhelos durch den Raum und sah zum hundertsten Mal zu seiner teuren Sanduhr, deren heller, feinkörniger Sand gerade die Marke der neunten Abendstunde passiert hatte. Halgoran hatte sich für die zehnte Abendstunde angekündigt, denn das Treffen war inoffizieller Art und sollte nicht unbedingt von jedermann bemerkt werden.
Der Senator ging zum Fenster und spähte nervös hinaus. Sein gut gepflegter, weitläufiger Garten lag zu dieser Tageszeit im Dunkeln, nur die Laternen seiner Leibwachen schienen auf ihren Patrouillengängen als helle Punkte in der Düsternis des wolkenverhangenen Nachthimmels. Die Anwesenheit der Wachleute auf seinem Grundstück sollte ihn eigentlich beruhigen, jedoch war Brachus trotzdem von einer unterschwelligen Furcht erfüllt, die sich einfach nicht abschütteln ließ. Und das zu Recht.

Kilian Braun