Donnerstag, 23. September 2010

Aus der Welt Randár: die Drachen

Die Drachen zählen einerseits zu den Völkern der Zerschlagenen Welt, andererseits kann man sie schon fast als eines der Mysterien wie den Roten Wind oder Ersten Baum betrachten. Die Drachen Randárs erfüllen rein optisch alle Erwartungen: Weit über mannsgroße Körper, bedeckt mit funkelnden, steinharten Schuppen, ausladende Schwingen, an einem baumlangen Hals ein Kopf so groß wie ein Pferd und tellergroße, wache Augen.

Die eindrucksvollen Lindwürmer leben in der südlichen Hälfte des Rechten Splitters und sind somit die Nachbarn der Zwerge. Wie auch im Land des kleinen Volkes ist das Reich der Drachen weitestgehend eine karge Tundra, nur unzählige, monumentale Tafelberge bilden einen unübersehbaren Unterschied. Die gigantischen Felsen ragen bis hoch an die Wolkendecke heran, manche durchstoßen sie sogar. An diesen Tafelbergen finden sich große, natürliche Plateaus, die sich die Drachen als Schlafstätte ausgesucht haben. Die Drachen als Volk zu bezeichnen ist, wie bereits eingangs erwähnt, eigentlich nicht ganz richtig. Sie sind allesamt überzeugte Einzelgänger, jeder lebt und handelt für sich. Es gibt zwar nicht viele von ihnen (eine genaue Zahl ist nicht bekannt), jedoch werden Drachen uralt und entstammen eigentlich aus einer Zeit, in der Randár noch nicht zerschlagen war, in der es noch keinen Schattengott und keine Ramak gegeben hat – und auch noch keinen Zwist zwischen den Völkern. Vielleicht leben und denken sie deshalb auch heute noch so archaisch wie vor Tausenden von Jahren.

Die Geschichte der Welt Randárs erreicht in meinem Roman einen entscheidenden Wendepunkt, dem sich auch die Drachen nicht entziehen können. Der Zwergenhauptmann Dûrkosch wagt eine Verzweiflungstat: Er reist als erster Zwerg in das Land der Drachen, um die mächtigen Lindwürmer um Beistand gegen die finsteren Ramak zu bitten. Der tapfere Zwerg trifft auf den Drachen Razzharr, der zwar zunächst wenig erfreut über die Begegnung ist, aber durchaus die Zeichen der Zeit erkennt.

Kurzer Auszug aus dem Kapitel „Im Reich der Drachen“, Rechter Splitter, Reich der Drachen:

„Was treibt ein Erdwesen im Reich der Drachen?“ Dûrkosch erschrak zutiefst, denn die tiefe, dröhnende Stimme erklang direkt in seinem Kopf. Er wusste nicht recht, wie er dem Drachen nun antworten konnte, und entschied sich unbewusst für das normale Sprechen.
„Wir … ich komme um … also die Ramak greifen uns an“, stotterte Dûrkosch völlig unbeholfen herum. Er wurde sich bewusst, dass er in diesem Augenblick Geschichte schrieb. Ein Zwerg redete mit einem Drachen!
„Piepse nicht wirr, Erdwesen! Sage mir, was du willst, oder du stirbst!“ Der Kopf des Schuppentieres kam bedrohlich nahe zu Dûrkosch herab. Langsam fletschte der Drache die Zähne und eindrucksvolle Zahnreihen bestehend aus unterarmlangen, spitzen Zähnen kamen zum Vorschein.
Dûrkosch schluckte den Kloß im Hals hinunter und riss sich zusammen. „Ich bin hier, um euch um Hilfe zu bitten. Die Ramak, schreckliche Wesen aus dem Verbannten Land, attackieren uns und wir können ihnen nicht standhalten.“
Riesige Augenlider klappten für einen Moment herab und sofort wieder hoch. Langsam hob sich der Drachenkopf wieder nach oben.
„Die Ramak … Ich war da, als das Land noch eins war. Ich war da, als Ranhír gegen Raloth kämpfte und ihn samt dem Schandfleck der Welt in die Verbannung schickte. Ich war da vor fünftausend Gezeitenläufen …“
Dûrkosch wurde schwindelig bei diesen Worten. Was für ein Wesen!

Text von Kilian Braun
Bild von Angelika Braun